Scheinbare Objektivität und die Realität persönlicher Erlebnisse. Ein Widerspruch? Die Begegnung mit Vielfalt erzählt uns viel über unseren Umgang mit neuem Wissen und die Bestätigung alter Erfahrungen.

Im Einführungsartikel zu dieser Beitragsreihe definierte ich unter anderem mein Verständnis von Toleranz in einer “Multikulti”-Gesellschaft. Ich muss nicht mit allem und jedem zurechtkommen, da dies gerade aufgrund unserer unterschiedlichen Einstellungen, Ansichten und Erfahrungen, gar nicht möglich ist.

Ich muss lediglich akzeptieren, dass es auch andere Meinungen gibt, andere Ansichten, andere Lebenswelten und vor allem Wahrheiten. Was für mich richtig erscheint, mag für andere unverständlich sein und umgekehrt. Die unumstößliche und unfehlbare Wahrheit existiert in dieser Form nicht.

Unsere Wahrnehmung und unser Denken sind geprägt von Erlebnissen und Erfahrungen, die auch der Grund sind, warum das wissenschaftliche Prinzip der Objektivität eigentlich gar nicht realisierbar ist. Dieser Diskrepanz war sich auch der berühmte Sozialwissenschaftler Émile Durkheim bewusst. Er forderte von WissenschaftlerInnen, sie mögen sich soziologischen Tatbeständen/Phänomenen wie “Dingen” nähern. Das bedeutet, man müsse, um Phänomene, Tatbestände oder Menschen zu analysieren, sich vor dem Kontakt mit diesen von allen Vorannahmen, Vorstellungen, Assoziationen und vor allem Begriffsbildungen des zu untersuchenden Phänomens befreien. Eine schwierige Aufgabe, das gab auch Durkheim zu.

Zugegeben, Durkheims Ansatz ist klassisch-wissenschaftlich geprägt.

In der heutigen Forschung, beispielsweise im qualitativen Methodenstrang der Sozialwissenschaften, werden die Reflexionen und Überlegungen des Forschers/der Forscherin bewusst in den Forschungsprozess miteinbezogen, wissend, dass der Forscher/die Forscherin seinen/ihren Verstand nicht einfach abstellen kann.

Eines können wir jedoch von Durkheims Zugang lernen. Nämlich, dass wir bei der Annäherung an ein Objekt/einen Menschen, jedes mal dazu bereit sein sollten, unser bereits erworbenes Wissen (sei dies durch persönliche Erfahrungen oder andere Geschehnisse) zu erweitern oder gar durch neues zu ersetzen.

In genau diese Kerbe schlägt meines Erachtens die Tatsache, dass wir nicht nur viele sondern auch vielfältig sind.

Dadurch, dass wir beinahe täglich mit Menschen anderer Kulturen, Religionen und Ethnizitäten zu tun haben, können wir Tag für Tag daran arbeiten den Menschen zu sehen, statt nach dessen Herkunft etc. zu bohren. Wir haben also viele Best-Practice-Beispiele in unserer Umgebung, Menschen die uns im direkten Kontakt von ihnen selbst und ihren Überzeugungen erzählen können, als Alternative dazu, dass wir uns die Informationen über sie auf anderem Wege holen (Erzählungen, Medien etc.). Sie können das Bild, das wir über sie übermittelt bekommen haben, vollkommen widerlegen oder aber es bestätigen. Aber schon allein die Tatsache, dass dieser Lernprozess zwei unterschiedliche Ausgänge haben kann, nämlich neues Wissen oder Bestätigung bereits vorhandenen Wissens, spricht dafür, dass selbst unter den Menschen, von denen wir uns bereits ein Bild gemacht haben, Vielfalt existiert. Religion, Kulturen, Traditionen, Ethnizitäten sind allesamt keine monolithischen Blöcke, auch wenn es oft einfacher ist das zu glauben.

Das hatte auch einer meiner Schüler verstanden. Ich bin beim Netzwerk “derad” dabei, wo wir unter anderem Workshops zu politischem Extremismus im Zuge politischer Bildung an Schulen anbieten. Teil dieses Workshops ist ein Verweis auf vergangene und aktuelle tendenziöse Berichterstattung über den Islam und MuslimInnen. Dabei zeigen wir den SchülerInnen etwa Zeitschriftencovers auf denen Islam mit Gewalt, Blut etc. assoziiert wird und fragen sie dann, was sie glauben, inwiefern bzw. wie sich eine derartige Berichterstattung auf das Bild der MuslimInnen auswirken könnte aber auch, welche anderen Bilder es über Islam und MuslimInnen gibt. Am Ende des Workshops überlassen wir das Wort zur Gänze den SchülerInnen. Sie sollen sagen, was für sie neu war, was sie inspiriert hat, was sie mitgenommen haben, was sie interessant und spannend fanden; als Art Zusammenfassung des Workshops. Da die Klasse durchgehend viel Interesse gezeigt hat, bieten wir ihnen an, sich freiwillig zu melden, wenn sie gemeinsam mit uns die Eindrücke des Workshops verarbeiten möchten.

Michi, der sich schon davor mehrmals zu Wort gemeldet hatte, zeigt auf:

Ihr habt ja die Bilder gezeigt…halt von den Medien, wie die Muslime sind….also nein, wie sie angeblich sind. Aber die sind nicht so, weil ich kenn ja den Mustafa,” sagt er während er auf seinen Sitznachbaren zeigt, “und der ist ja auch nicht so.”

Michi hat in wenigen Worten das ausgedrückt, was ich anhand einer ganzen Beitragsreihe zeigen möchte. Vielfalt ist ein Segen. Vielfalt bietet uns die Möglichkeit, uns von Vorurteilen zu befreien und so die Basis für ein solides Miteinander gemeinsam aufzubauen.

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