Jessas, dafür, dass Sie a Ausländer san, sprechen’s owa gut Deitsch. Wo haums denn des gleant?

Sprache schafft Realität, sie schafft ganze Lebenswelten. Erheiternde Worte können uns die gesamte Woche retten, niederschmetternde Worte uns in ein tiefes Loch stürzen. Sprache ist primär ein Segen, kann aber – wenn man nicht aufpasst, was man sagt – schnell auch ein Fluch werden.

Stellen Sie sich vor, Sie sind in Wien geboren, beherrschen sowohl den Wiener Dialekt, als auch den – meines Erachtens flachen – Wiener Humor. In Kindheitsjahren haben Sie mit Mundl-Immitationen die Massen begeistert, indem Sie auf Beleidigungen mit folgender Frage geantwortet haben: „Sag amal bist du so teppat oder stöst di nur so?“

Wenn ich es will, bin ich ein „waschechter Werner (Wiener)“.

Da stehe ich nach drei Stunden Schlaf auf, schlüpfe in die Rettungssanitäter-Uniform und schlendere mit der letzten gottverliehenen Kraft in die Rettungszentrale, um rechtzeitig die Wagenkontrolle durchzuführen. Während der Hinfahrt waren die Augenlieder mein größter Feind, aber ich haben es geschafft, rechtzeitig zum Dienst kommen. Nach dem morgendlichen Begrüßungritual zwischen Kolleginnen und Kollegen bewege ich mich langsam vom Schlaf- in den Halbschlafmodus, bis ich dann zum Dienstbeginn wirklich wach bin. Die Arbeit geht los.

Wir spulen ein wenig vor bis zum ersten Patienten, überspringen den Smalltalk und landen direkt bei dem eingangs angeführten Zitat: “Dafür, dass Sie a Ausländer san, sprechen’s owa gut Deitsch, wo homs denn des gleant?” Hätte die Dame den an der Wand hängenden Absauger abmontiert, mir den Schlauch in den Mund gesteckt und angefangen, meinen Speichel damit abzusaugen, wäre ich wahrscheinlich weniger überrascht gewesen, als in jenem Moment als mir diese Frage gestellt wurde.

Wie würden Sie sich fühlen? Vor allem aber, was würden Sie antworten? Die Frage kam aus dem Nichts, völlig überraschend. Ich lachte verlegen und antwortete: “Danke für das Kompliment Frau Müller (Name geändert); ich bin ja in Wien geboren, im Hietzinger Spital um genau zu sein.“

„Aaaahhhhh“ erwiderte die Dame sichtlich verwirrt. Unwillkürlich musste ich dabei an Alicia Keys Refrain denken „Iiii keep on fallin‘…“ denken. Ob dies nun darauf zurückzuführen ist, dass das „Aaaahhhhh“ der Dame, sich wie Alicias „Iiii“ anhörte kann ich mir bis heute nicht beantworten. Fakt ist jedoch, dass mir in dieser Situation zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich trotz akzentfreiem Deutsch immer noch (zumindest für manche) der “Ausländer” bin.

Gut, ich sah und sehe nach wie vor nicht „europäisch“ aus, (wie sehen Europäerinnen eigentlich aus?)  außer natürlich schwarze Haare, dunkle Augen und dünklere Haut werden mit dem Bild eines „typischen Europäers“ assoziiert. Ich hatte schon ähnliche Erfahrungen in jungen Jahren, aber nie sah ich mich derart mit meiner „Andersartigkeit“ konfrontiert. Vielleicht hatte ich in jungen Jahren auch nicht die geistige Kapazität um sinnvoll darüber zu reflektieren.

Heute erlebe ich derartige Situationen relativ häufig, was kein Wunder ist, wenn man berufsmäßig viel mit Menschen aller Altersklassen und Abstammungen zu tun hat.

Haben mich derartige Äußerungen wie jene von Frau Müller damals noch verlegen gemacht und in weiterer Folge dann auch etwas gekränkt, so dienen sie mir heute als Grundlage beim Versuch zu eruieren, welche Möglichkeiten wir gemeinsam haben, um aktiv eine inklusive Gesellschaft zu gestalten.

Eine Gesellschaft, welche Vielfalt als Bereicherung sieht und nicht etwa als „Integrationshindernis“. Die Sicht „der Anderen“ kann uns dabei verhelfen, unseren (analytischen) Blick zu schärfen und eröffnet uns dabei völlig neue Lebenswelten und –realitäten.

Im Einführungstext dieser Beitragsreihe schrieb ich über die Signifikanz der Sprache und darüber, dass diese eine der positiven Konsequenzen des interkulturellen Austausches sind, wenn gleich sie auch Probleme bringen kann.

Dazu fällt mir Bronisław Malinowski ein. Polnischer Sozialanthropologe und Begründer der modernen Feldforschung. Er verbrachte Jahre auf den Trobriand Islands. In seinem Werk „Argonauten des westlichen Pazifiks“ beschreibt er seinen Durst danach, die Sprache der Einheimischen zu verstehen. Er war der Meinung, dass Sprachen neue Türen öffnen, die einem sonst verschlossen bleiben würden. So bezeichnete er all seine anfänglichen Beobachtungen als „totes Material“, denn er konnte die subjektive Sicht der EinwohnerInnen auf diverse Phänomene aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht einholen.

Gerade deshalb, weil Sprache so einen zentralen Stellenwert im Zusammenleben aller Menschen einnimmt, erscheint deren Verwendung eine äußerst heikle Sache zu sein. Es ist deshalb überaus wichtig, sich dieser Wichtigkeit bewusst zu werden.

Sprache schafft Realität, sie schafft ganze Lebenswelten. Erheiternde Worte können uns die gesamte Woche retten, niederschmetternde Worte uns in ein tiefes Loch stürzen. Sprache ist primär ein Segen, kann aber – wenn man nicht aufpasst, was man sagt – schnell auch ein Fluch werden.

Share This