Lakum dinukum wa liya din! – Euch eure Religion und mir meine Religion

Ostjerusalem/Palästina. Überwältigt habe ich nach langer Zeit wieder das Damaskustor durchschritten. Ich stehe vor der Al Aqsa Moschee, inmitten des regen Treibens von Händlern und Touristen. Viele Wallfahrer pilgern zu diesem spirituellen Ort, an dem Christen, Juden und Muslime ihre ureigensten Heiligstätten finden.

Damaskus Tor OstjerusalemIch gehöre nach einem Familienbesuch in Palästina wohl zur wallfahrerischen Gruppe, die unbedingt ein paar Stunden in der Al Aqsa Moschee verbringen möchte, um im stillen Gebet in der im Qur’an 17:1 erwähnten “Fernsten Moschee” (Masdschid Al Aqsa) Gott noch näher zu sein.

Ich möchte die Bittgebete und Segenswünsche für Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte anbringen und eine gründliche Selbstreflexion vornehmen.

Doch bis ich den Tempelberg betreten konnte, wurde ich wohl ein Dutzend Mal mit der unangenehmen und zugleich bedrängenden Frage: “Bist du Muslim?”, konfrontiert.

Diese Frage stelle ich mir selbst immer wieder. Ab wann ist man Muslim?

Reicht es aus, das Glaubensbekenntnis abzulegen, fünfmal am Tag zu beten, die Almosengabe für Bedürftige zu entrichten, im Ramadan zu fasten und einmal im Leben nach Mekka zu hadsch’n?

Eigentlich geht es niemanden etwas an. Ich denke, so unangebracht diese Frage über das reliöse Bekenntnis auch ist, es zwingt mich selbst darüber nachzudenken, wer ich bin und welche Aufgabe ich in diesem Leben habe.

Wer man ist, steht in vielen Fällen im Reisepass. In manchen Ländern ist gar die Religion vermerkt, die man von Geburt an ins Ohr geflüstert bekommt und die später durch die Erziehung der Eltern und die weltliche sowie religiöse Ausbildung geprägt wird.

Bei mir war es aber so: Ich habe mich im intensiven Studium des Eingottglaubens für die in der monotheistischen Religion letzten und abschließenden Offenbarung entschieden, nachdem mir von meinen Eltern die christlichen Werte mit auf meinen Lebensweg gegeben wurden.

Ich kann für mich behaupten, dass ich im Sinne der islamischen Werte und Prinzipien, wie Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz, Gütigkeit und Mitgefühl, um nur ein paar wenige zu nennen, ein gutes Vorbild für andere Menschen zu sein versuche.

“Bist du Muslim?” Die viel entscheidendere Frage müsste für mich eigentlich lauten: “Warum bist du Muslim?”

Aber warum stellt sich diese Frage überhaupt, ob man Muslim ist?

Nun, im Sinne der Ausnahmesituation in Israel/Palästina kann grundsätzlich mit dem Sicherheitsbedürfnis beider Seiten argumentiert werden. Das muss auch verstanden werden, denn immerhin gab es einen Tag zuvor einen enormen Polizeieinsatz am Tempelberg.

Nach einer strengen Kontrolle mittels Überprüfung des Wissens einiger Qur’anverse am Eingang bin ich aber dann endlich in der Moschee und trotzdem kommen Muslime zu mir gelaufen und überprüften meine Religionszugehörigkeit. Als Europäer mit weißer Hautfarbe und dem Rest meiner blonden Haaren sehe ich eben nicht wie ein Araber aus, wobei gar nicht alle Araber Muslime sind.

Wie sieht es eigentlich mit bosnischen, sudanesischen und indonesischen Staatsbürger/innen aus? Werden auch sie alle gefragt, ob sie Muslime sind?

Prinzipiell kann es keine Rolle spielen, welcher Religion wir Menschen angehören.

So steht im Qur’an 109:6 geschrieben: “Lakum dinkum walaya din”, was übersetzt bedeutet: “Euch eure Religion und mir meine Religion.”

Diese Art von Toleranz und Respekt gegenüber anderen Religionen wird von allen Menschen für ein friedvolles und harmonisches Zusammenleben erwartet. Würde sie eingehalten werden, könnten sich die Menschen viel mehr Zeit mit Gott und ihrer Religion und auch mit sich selbst beschäftigen.