Aus der Eröffnungsrede zur Islamtagung am 15.06.2015 in der Diplomatischen Akademie – Integrationsminister Sebastian Kurz:

  1. Die Debatte über den Islam ist emotional enorm aufgeladen.
  2. Jenen, die seit Monaten und Jahren „Moschee Ade“ skandieren, sage ich daher umso deutlicher und aus voller Überzeugung: Der Islam ist ein Teil Österreichs.
  3. Diese Hetze spaltet unsere Gesellschaft.

europa integrationWas ist der Islam europäischer Prägung ?

Die Frage nach der Zukunft des Islam in Europa und somit auch das Thema, wie sich dieser in Europa entfaltet und entfalten wird, ist hoch aktuell und wird auch auf lange Sicht eine große Rolle spielen.  Im Folgenden ein Auszug aus dem Ergebnisdokument der Islamtagung 2015.

In Österreich leben, gemessen an der Gesamtbevölkerung, ca. 6 % Muslime, wobei davon über die Hälfte österreichische Staatsbürger sind. Die spezielle Beschäftigung mit dem Islam in Österreich ist somit nicht nur historisch durch Bosnien und der Herzegowina als Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie erklärbar, sondern auch durch die vielen Muslime in der Mitte der österreichischen Gesellschaft. Es gibt daher eine große Notwendigkeit für die Beheimatung des Islam und das gute Zusammenleben im Rahmen der Integrationspolitik der österreichischen Bundesregierung.

Die Muslime in Europa sind unterschiedlichster Herkunft. In den europäischen Ländern ergeben sich jeweils unterschiedliche und spezifische Kombinationen hervorgehend aus dem Migrationshintergrund der muslimischen Bevölkerungsgruppen, den jeweils praktizierenden islamischen Schulen, dem – je nach Staat sehr unterschiedlich geregelten – rechtlichen Verhältnis von Staat und Islam sowie der kulturellen Besonderheiten der einzelnen europäischen Nationen. Diese verschiedenen Komponenten bilden in den einzelnen Ländern zusammen mit den europäischen Verfassungstraditionen und den europäischen Grund- und Menschenrechten einen spezifischen Kontext, aus dem sich – unabhängig von der für Muslime unverrückbaren islamischen Quellen und der auf dieser Grundlage begriffenen Einheit des Islam als Religion – jeweils eigene Prägungen der Religiosität und Lebenswirklichkeit der Muslime in einzelnen Staaten ergeben.

Den Muslimen in Europa sind dabei trotz nötigen Differenzierungen einige Punkte gemeinsam:

Die Muslime in Europa können einerseits an europäische islamische Traditionen, wie etwa historisch in Andalusien und bis in die Gegenwart reichend in etlichen Staaten des Balkans, anknüpfen. Andererseits sind Muslime auf dem europäischen Kontinent in der Minderheit. Sie sehen sich heute in vielen Ländern Europas pluralistischen und modernen Gesellschaften mit einer großen Anzahl von Christen unterschiedlicher Konfessionen, einem nicht unbedeutenden Anteil von Anhängern weiterer Religionen, nicht konfessionellen und nicht-gläubigen Menschen sowie einer u.a. stark von der Aufklärung geprägten Kultur gegenüber.

Vor diesem Hintergrund können für Muslime in Europa Fragestellungen aktuell werden oder sich neu ergeben, die sich weder in den Herkunftsländern der Elterngenerationen der heute in Europa heimischen Muslime, noch in der Geschichte des Islam zuvor gestellt hatten. Diese neuen Herausforderungen umfassen nicht nur die Rolle der muslimischen Gemeinschaften als Minderheit, sondern können insbesondere für junge muslimische Schüler an öffentlichen Schulen auch ganz praktische Fragen wie z.B. die Teilnahme am Sport oder Schwimmunterricht umfassen. Existenzielle Fragen sind auch diejenigen nach der Chancengleichheit am Arbeits- oder Wohnungsmarkt, v.a. bei dem Tragen eines Kopftuchs, und der Umgang mit Ressentiments und dem Rechtfertigungsdruck aufgrund des globalen Terrors im Namen des Islam.

Ein wiederholt kontrovers diskutierter Bereich ist auch die Frage nach etwaigen Widersprüchen und der Vereinbarkeit des Islam mit europäischen Werten. Dies sind insbesondere einzelne Menschen- und Grundrechte, wie sie in der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), der Europäischen Grundrechtecharta und den nationalen Verfassungen fest verankert sind, beispielsweise die Freiheit, seine Religion zu wechseln. Dieser gesellschaftliche Diskurs umfasst oft auch das Verhältnis von Islam und Demokratie, Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, die Gleichheit von Frauen und Männern, Rechtsstaatlichkeit und Säkularität auf Basis der Gesetzgebung durch den Volkssouverän, die Artikel 2 EU-Vertrag als Werte der Europäischen Union hervorhebt. Die theologische und lebenspraktische Behandlung dieser Fragestellungen formt auch gegenüber Staaten und Parteien der muslimischen Welt eine Eigenständigkeit der europäischen Muslime, wie auch in der „Schlusserklärung der 3. Konferenz europäischer Imame und SeelsorgerInnen“ im Jahr 2010 in Wien hervorgehoben wurde.

Darüber hinaus leistet eine argumentative Nachvollziehbarkeit der Vereinbarkeit des Islam mit den europäischen Werten – die im Übrigen in Österreich auch im Dialogforum Islam 2012 festgestellt wurde – in Anbetracht der unterschiedlichen Umsetzung der islamischen Lehren rund um den Globus einen wesentlichen Beitrag für den sozialen und politischen Zusammenhalt. Auch bei vielen Nicht-Muslimen besteht der starke Wunsch danach, mehr darüber zu erfahren, dass und wie der Islam die europäischen Werte teilt. Die notwendige klare Positionierung zur Vereinbarkeit von Islam und europäischen Menschenrechten, säkularem Staat und Pluralismus sowie der Ablehnung von gewaltproduktiven Dimensionen der Religion darf nicht mit einem Rechtfertigungsbedarf verwechselt werden. Klar zu trennen ist hierbei die Religion Islam von dem Terrorregime „IS“. Auch geht es dabei keineswegs um singuläre Antworten auf die klassischen Fragen, die den Islam und die europäischen Verfassungsgrundsätze betreffen. Jedoch besteht seitens der Mehrheitsgesellschaft ein legitimes Interesse vor allem nach Transparenz hinsichtlich der verschiedenen muslimischen Ansichten und der Befassung mit diesen Fragen. Die Erwartung an den Islam europäischer Prägung ist es daher auch, ihre Antworten zu kommunizieren und damit dazu beizutragen, Vorurteile und eine Sprachlosigkeit zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen auszuräumen und die Basis für ein Wir-Gefühl zu stärken.

Schließlich darf ein weiterer Aspekt des Islam europäischer Prägung nicht übersehen werden. Nicht nur seitens der Muslime ist ein Prozess der fundierten Identifikation mit Europa zu beobachten. Auch auf Seite der Mehrheitsgesellschaft ist eine Offenheit und Anerkennung im Hinblick auf die Beiträge zu sehen, welche der Islam in der europäischen Geschichte bisher geleistet hat und welche die heute in den europäischen Staaten beheimateten Muslime leisten. Daher ist der Wunsch nach eindeutig geklärter und argumentativ nachvollziehbarer Vereinbarkeit des Islam mit den europäischen Werten in einem größeren Rahmen zu sehen, in dem ein gesichertes Wissen und eine Reflexion über die europäischen Werte sowie ihrer permanenten Belebung von der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit einzufordern sind.