“Das Mädchen benimmt sich so komisch”, sagte die Lehrerin, “und seit sie ein Kopftuch trägt, ist sie ganz ruhig”. Vermeintliches Zeichen einer Radikalisierung. Als dann über Demokratie gesprochen wurde, verzog die Schülerin das Gesicht. Was dann kam, raubt dir den Atem. Nein, nicht ganz. Die Sache ging gut aus. Die Beteiligten haben miteinander gesprochen. Rami Ali erzählt, wie, und vor allem, was.

Teil I

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Rami Ali, CEAI Staff

Wie schon im Einleitungsartikel dieser Beitragsreihe erwähnt, arbeite ich für das “Netzwerk für sozialen Zusammenhalt”, welches sich nicht zuletzt auch um radikalisierte Jugendliche bemüht. Essentieller Bestandteil meiner Tätigkeit beim Netzwerk ist jedoch das Abhalten von Workshops an Schulen.

Mittlerweile war ich an den unterschiedlichsten Schulen in ganz Österreich. Wir versuchen die Workshops selbst so transdisziplinär wie möglich zu gestalten, in der Hoffnung, das Fehlen eines verpflichtenden Fachs “Politische Bildung” zu kompensieren.

Es fasziniert mich immer wieder wie unterschiedlich die Schülerinnen und Schüler sind. Schon in den wenigen Stunden, in denen ich in der Klasse stehe, sprießen junge Talente nur so durch den Klassenraum und ich stelle mir immer dieselbe Frage: “Warum müssen all diese unterschiedlich talentierten Kinder an ein und demselben Maßstab gemessen werden, welcher sich Notensystem nennt?” Aber gut, das wäre wohl eine andere Diskussion.

An diesem Tag wurden wir in eine Schule in Innsbruck gerufen. Unser Workshop zu “Radikalen politischen Ideologien und Extremismus” war angefragt. Die Direktorin empfing uns mit heißem Kaffee und teilte uns gleich mit, dass es ein Mädchen in der Klasse gäbe, welches den LehrerInnen “Sorgen” mache. Auf die Frage inwiefern das  Mädchen denn den LehrerInnen Sorgen bereiten würde, meinte die Direktorin: “Sie benimmt sich ganz komisch, ist so anders und trägt jetzt auch das Kopftuch, seitdem ist sie viel ruhiger geworden.”

“Gut, dass sich ein Mädchen dazu entscheidet ein Kopftuch zu tragen ist definitiv kein Indikator einer Radikalisierung”, entgegneten mein Kollege und ich, denn derartige Tendenzen könne man ausschließlich im Gespräch eruieren.

“Nein, nein”, meinte die Direktorin, “aber sie ist wirklich so anders”. Gut, das war jetzt eigentlich nichts Neues für mich. Gerade in der Zeit in der wir jetzt leben, die von schrecklichen und grausamen Medienberichten geprägt ist und der kontraproduktiven Verordnung des Bildungsministeriums “auffällige SchülerInnen” sofort zu melden, kamen solche Aussagen nicht gerade überraschend. Oft ist die überzogene Angst der LehrerInnen mehr als Fehl am Platz aber Ihnen fehlt letztendlich auch das nötige Wissen. um solche Tendenzen zu erkennen.

Nun gut, wir gingen also in die Klasse und hielten den Workshop mit den SchülerInnen ab. Gerade das Mädchen, welches angeblich “so ruhig” sein sollte, war die aktivste von allen Anwesenden. Sie brachte sich ein, wusste sehr viel und hat nicht selten auch ihren MitschülerInnen etwas erklärt. Im Zuge weiterer Diskussion meldete sie sich dann wieder zu Wort, wenn ich mich recht entsinne, ging es um das Christentum. Ihrer Meinung nach, sind Christen im Unrecht. Als Beweis dafür nahm sie die Dreifaltigkeit und deren Komplexität, weiters hob sie auch den “Irrglauben” hervor, dass Christen ja irgendwo auch “Jesus mit Gott gleichstellen.”

Ich sagte ihr, dass dies sehr interessante Punkte wären und ich gerne nach dem Unterricht mit ihr darüber reden würde, da wir ja grundsätzlich nicht da sind, um theologische Diskussionen zu führen.

Am Ende des Workshops kam sie dann wirklich zu uns, mit drei anderen Mädchen. Ich erklärte ihr, dass für jede Religion auf der Welt, die eigenen Glaubensgrundsätze unantastbar seien und die eigene Religion immer jeweils die Richtige ist und das wird dann auch so argumentiert. Doch mit allen Eingrenzungspraktiken gehen auch Ausgrenzungspraktiken einher und deshalb begrenzen wir uns oft nicht darauf, “die Richtigkeit” unserer Weltanschauung zu unterstreichen sondern versuchen gegen andere Religion zu argumentieren. Sie nickte.

Ich fuhr fort und fragte sie, wie viel sie von der Geschichte des Propheten Mohamed (s.a.w.) wusste. “Einiges”, entgegnete sie. “Gut”, sagte ich, “und glaubst du, ist der Prophet rumgegangen und hat mit dem Finger auf die Leute gezeigt und gesagt: “Du bist ein Ungläubiger, und du, du auch, und du erst sowieso”. Sie musste lachen und entgegnete dann sofort: “Nein, natürlich nicht”.

“Na eben”, antwortete ich und erklärte ihr, wie der Prophet mit Muslimen und vor allem mit Nicht-MuslimInnen umging, und dass er stets versuchte ihre Gefühle zu wahren und sie nicht zu verletzen.

Dann ging es ans Eingemachte. Schon während dem Workshop konnte ich erkennen, wie sie ihr Gesicht verzog, als wir von Demokratie sprachen. Ein typisches Zeichen radikal-islamischer Gruppen ist jenes, dass sie Demokratie per se ablehnen. Für sie darf auf der Welt lediglich Gottes Gesetz herrschen, die Scharia.

Soweit so gut. Auf simple Fragen wie “Was ist denn überhaupt die Scharia? Wo steht sie geschrieben, sofern sie überhaupt irgendwo steht?”, konnte sie mir kaum eine Antwort geben. Dann fragte ich sie, ob wirklich ausschließlich Gottes Gesetz herrschen darf? Ausnahmslos? In allen Belangen? Sie bejahte.

“Gut, zeigst du mir, wo in Koran, Sunna oder in irgendeiner islamischen Quelle steht, wie die Verkehrsregeln sind oder etwa architektonische Vorschriften”, fuhr ich fort. Auch darauf konnte sie nicht antworten, aber ich konnte sie nach wie vor nicht überzeugen, sie sah mich immer noch als jemand, vor dem man sie explizit gewarnt hatte. Denn bis jetzt war es immer so, dass jene Leute, die andere für ihre Ideologien anwarben, ihren Lemmingen stets kommunizierten, dass Leute kommen werden, die sie versuchen werden davon abzuhalten, das zu denken was sie denken sollen. Das war in diesem Fall dann wohl ich.

Es folgten unheimlich spannende Diskussionen, die ich euch nicht vorenthalten möchte, da diese, wie ich finde, einen sehr guten Einblick in die Gedankenwelt dieser Menschen geben.

Fortsetzung folgt.

 

 

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