Und dann plötzlich, stellt sie mir Fragen, die ich vermutlich im ersten Monat Religionsunterricht beantworten würde. Das ist etwa so, wie wenn man stundenlang mit einer Person über die theologische Begründung und den tieferen Sinn der christlichen Dreifaltigkeit diskutiert und dann die Frage kommt: “Darf man eigentlich töten?”

Behutsam versuche ich ihr andere Blickwinkel und Zugänge zu beleuchten.
Ich darf ihre Behauptungen nicht grundlos zu Boden werfen.

Rami Ali, CEAI

Rami Ali, CEAI

Sie muss von sich aus verstehen, warum welche Auslegungen und Interpretationen nicht dem Gesamtkonsens des Islams entsprechen und schon gar nicht den Handlungsweisen des Propheten (saw.). Denn es gibt sie tatsächlich, Exegeten, die nicht selten politisch motiviert den Koran auslegten. Vor hunderten von Jahren wurden sie etwa von Khalifen bestellt, um deren Herrschaft religiös zu legitimieren. Deshalb muss der- oder diejenige, die/der den Islam auch wirklich verstehen will, recherchieren und sich fragen, in welchem Kontext etwa ein bestimmter Vers im Koran offenbart wurde. Der “Sabab An-Nuzul” (Offenbarungsgrund/-kontext) ist zum tieferen Verständnis des Korans unabdingbar. Ich bringe ihr ein paar Beispiele, eben dieser Offenbarungsgründe, zu Versen, die sie selbst zuvor zitiert hat. Sie schaut mich mit großen Augen an und ich merke wie sich Entspannung und Verwunderung in ihren Gesichtszügen treffen.

Den Koran so zu verstehen, wie es radikale Ideologen oder aber vermeintliche IslamexpertInnen tun, kann schon ziemlich zermürbend sein. Oft habe ich von Konvertiten gehört, dass es schlussendlich die Barmherzigkeit und Geschwisterlichkeit im Islam war, die sie letztendlich dazu brachte überzutreten. Von diesen Eigenschaften ist bei einem Ideologen keine Spur mehr zu sehen. Sie teilen sich die Welt in schwarz und weiß, die Menschen in gut und böse, in Freund und Feind. Ihre Ideologie wird dadurch greifbarer, einfacher, zugänglicher, denn sie bietet ganz klare und simple Strukturen, an denen man sich orientieren kann. So unterschiedlich diese Ideologen im Vergleich zu selbsternannten IslamkritikerInnen auch sind, so ähnlich sind ihre Zugangsweisen. Beide verstehen den Koran als ein Nachschlagewerk. Historische Anlässe und Kontexte? Irrelevant. Offenbarungsort (Es wird zwischen mekkanischen und medinischen Versen unterschieden)? Irrelevant. Offenbarungsgrund? Irrelevant. All das kommuniziere ich ihr, ehe ich damit beginne, Schritt für Schritt ihr ohnehin schon wackliges Gerüst zum Fall zu bringen. Ich merke, dass ich über die theologische Schiene viel besser an sie ran komme, vor allem, wenn ich sie selbst darüber nachdenken lasse, wer was wo wie und warum ausgelegt hat. Ich merke zudem, dass sie immer nur Fetzen von bestimmten Versen und Hadithen kennt.

Nachdem ich das Argument mit “wer drei Tage lang nicht betet ist vom Islam ausgetreten” widerlege, indem ich ihr zeige, dass es laut mehreren Rechtsgelehrten einen Unterschied gibt, zwischen denjenigen, die nicht beten, weil sie das Gebet als solches nicht akzeptieren und denjenigen, die einfach faul sind und am Ende zählt das, was zwischen dir und Gott ist. Ähnlich argumentiere ich beim Verbot von Musik. Hierzu gibt es eine Überlieferung, die immer zitiert wird, über deren Authentizität aber nicht viel bekannt ist. Ich verweise sie hier nicht nur auf die Aussagen von Rechtsgelehrten, sondern appelliere an ihren Verstand. “Natürlich ist nach der Auffassung vieler jene Musik haram (verboten), die dich dazu verlockt, Dinge zu tun, die nicht mit der islamischen Lehre im Einklang sind”, sage ich ihr. Schließlich macht Musik ja auch was mit uns. Ich fahre fort: “Wenn du also merkst, dass du vom Deutschrap aggressiv wirst, auf die Straße gehst und dann ein paar Passanten verprügelst, weil das Bushido gerade gesagt hat, dann ist diese Form der Musik bestimmt Haram”, fahre ich fort. Sie muss lachen. “Also ist Rap Haram?”, fragt sie mich? “Das kannst du so nicht sagen. Warum sollte Rap, der gesellschaftskritisch ist, Missstände thematisiert etc. Haram sein?”, frage ich sie und fahre fort:”Es hängt immer davon ab, was das jeweilige Stück mit dir macht.” Sie nickt.
Langsam komme ich zum Schlüsselthema. Aus Erfahrungen weiß ich, dass sobald dieser Knoten gelöst wird, sich die restlichen praktisch von alleine lösen. Alles geht auf diese Thematik zurück. Es ist das typische Argument, zu wählen sei Haram, weil man eben Herrscher unterstützt, die das erlauben, was Allah verboten hat und überhaupt ist es auch deshalb verboten, in solch einem Land zu leben, wodurch die Auswanderung zur Pflicht wird. So das Hauptargument. Hat man die Ideologie erst eingeatmet, so lebt man ständig in einem inneren Konflikt mit sich selbst. Durch den zuvor beschriebenen Vorgang, die komplexe Realität in zwei Farben zu zeichnen, wird zwar einiges einfacher, was aber schwieriger wird, ist das Praktizieren der Glaubensinhalte, da diese selektiert kompromisslos durchzuführen sind und auch immer sehr “hart” erscheinen, sodass von Gottes Barmherzigkeit also nichts mehr übrig bleibt. Dieses Muster der Erschwernis wird bewusst so in die Köpfe der radikalisierten Jugend injiziert, dass sich diese nur dann erleichtert fühlen, wenn sie sich dem bewaffneten Kampf gegen alle Ungläubigen angeschlossen haben und so ihren vermeintlichen Teil zur Verbesserung der Welt beitragen.
Ja, Jihadisten die nach Syrien fliegen um dort zu kämpfen, glauben ganz fest daran, dass sie Teil einer Veränderung sind. Aber das führt uns jetzt zu weit weg vom eigentlichen Thema. Wir waren bei dem für radikale Ideologen typischen Argument. Der/die LeserIn erinnert sich hier vermutlich an das in Teil 2 beschriebene Wort “Taghut”, welches hier wieder präsent und relevant wird. Einer der Gelehrten auf den sich viele IS-Kämpfer und radikalisierte Jugendliche beziehen ist Ibn Taymiyyah. Dieser legt Sure 5:44 (“…Und wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat – das sind die Kuffar”) so aus, dass alle, die eben nicht mit Allahs Gesetz herrschen, Ungläubige sind, der Kampf gegen sie wird zur Pflicht. Ist dies nicht möglich, soll in ein muslimisches Land ausgewandert werden. Ansonsten ist man ein “Kefir”, ein Ungläubiger, der den Taghut unterstützt. So, jetzt sagt aber selbst Ibn-Taymiyyah, dass im Hinblick darauf, einen Konsens zwischen den MuslimInnen geben muss und bei aller Liebe, so sage ich das auch dem Mädchen, zwischen den MuslimInnen gibt es ja nicht einmal Konsens darüber, wann Ramadan beginnt. Nur selten fangen alle mehrheitlich muslimischen Länder gemeinsam an, am selben Tag zu fasten. Darüber hinaus sagt der Schüler von Ibn-Taymiyyah, Ibn-Kathir, auch einer der Gelehrten auf den sich diese Menschen oft beziehen,  diesen ‘Kufr’ jedoch als ‘kleinen Kufr’, also als “kleineren Unglauben”. Ibn Scharrier al Tabari etwa unterstreicht, dass dieser Vers für Muslime offenbart wurde. Diese sollen demnach nach Gottes Gesetz herrschen. Auch hier wird von den meisten Gelehrten die Unterscheidung getroffen, ob man die offenkundigen Gesetze ablehnt oder aber nicht nach ihnen richtet. Ohne jetzt zu tief in die theologische Welt einzutauchen. Ich konnte ihr durch diese belegbaren Argumentationen eine andere Tür zeigen, wo sie auch selbst spürte, dass mit dieser Tür eine Menge Erleichterung auf sie zukommen würde. Als Letztes nahm ich noch Ibn-Hanbal her, jenen Exegeten auf den sich die Aussagen über das Gebet stützen (“Wer nicht betet ist automatisch ein Ungläubiger”). Im Hinblick auf das Leben unter einer nicht-muslimischen Herrschaft sagt dieser nämlich, dass MuslimInnen mit nicht-MuslimInnen praktisch einen Vertrag eingehen (der Erhalt der Staatsbürgerschaft gilt hier als Siegel des Vertrags). Dieser Vertrag verpflichtet MuslimInnen dazu, sich an die in dem jeweiligen Land existierenden Gesetze zu halten.

“Jetzt muss sie doch merken, wie inkonsequent ihre Ideologie ist”, denke ich mir und dann geschieht es. “Ja, ich weiß doch auch nicht woran ich jetzt glauben soll”, sagt sie fast verzweifelt. “Nicht an das, was andere dir sagen…lies und recherchiere eigenständig und frag mich wenn es Unklarheiten gibt”, biete ich ihr an, während ich zu einem Lächeln ansetze. Die darauf folgenden Minuten waren für mich die wertvollsten in meiner Erfahrung als Peer- und Workshopleiter. Plötzlich fing sie an, die banalsten und einfachsten Fragen über Erlaubtes und Verbotenes im Islam zu stellen. Ich war überrascht, beantwortete jedoch jede Frage ganz geduldig. Da spricht sie einerseits von Taghut, Kufr und bringt Verse und Überlieferungen, wo man sich vermutlich denkt, dass diese Person sich wirklich auskennt (Fragt man sie jedoch nach der Fortsetzung oder zugrundeliegender Kontexte, kann sie nicht antworten). Und dann plötzlich, stellt sie mir Fragen, die ich vermutlich im ersten Monat Religionsunterricht beantworten würde. Das ist etwa so, wie wenn man stundenlang mit einer Person über die theologische Begründung und den tieferen Sinn der christlichen Dreifaltigkeit diskutiert und dann die Frage kommt: “Darf man eigentlich töten?”

Ich wusste während ich ihre Fragen beantwortete, dass ich sie endlich geknackt hatte. Ich hatte sie mit der fehlenden Konsequenz ihrer Ideologie und der mangelnden Rationalität dieser konfrontiert. Ich habe an ihren Verstand appelliert und versucht sie dazu anzustoßen, eigenständig zu denken und ich habe ihr gezeigt, dass sie sogar von den Leuten, die sie zitiert- auch beim jeweiligen Zitat – noch nicht alles weiß. Vor allem aber habe ich ihr andere Türen geöffnet, Türen der Erleichterung, wo es darum geht, an sich selbst zu arbeiten, selbst danach zu streben ein guter Mensch zu werden, anstatt alles und jeden zu verurteilen.

Im Hinblick auf die Radikalisierungsmechanismen hatte ich nun einen viel tieferen Einblick in diese Welt. Ich habe gelernt, dass Rekrutierer ausschließlich nur das Wissen vermitteln, welches ihre Opfer brauchen, um diese spezifische Ideologie immer und immer wieder zu reproduzieren. Kein Hintergrundwissen und schon gar kein Basiswissen werden vermittelt, nichts. Ich habe gelernt, dass sie komplexe Realitäten vereinfachen, um sie zugänglicher/verdaulicher zu machen, indem ein Schwarz-Weiss Bild gezeichnet wird, aber gleichzeitig religiöse Gebote erschwert werden, damit dass die Betroffenen ständig in Angst leben müssen, nicht wissend, ob sie nun gemäß der propagierten Inhalte handeln oder nicht.
Und ich habe gelernt, dass ich wesentlich geduldiger bin, als meine Lehrer immer von mir behaupteten.
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Hier sind die ersten zwei Teile zu finden:

Wie Radikalisierung funktioniert Teil I
Wie Radikalisierung funktioniert Teil II

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