Nicht-Muslim, Muslim – im Endeffekt bedarf es an Willen nach einer gemeinsamen, funktionierenden Gesellschaft.
Schon beim islamischen Gruß wird von der Wichtigkeit des Umgangs mit den Mitmenschen gesprochen. Dabei gilt es im Islam sowohl Muslime als auch Nicht-Muslime zu begrüßen, denn der Gruß gebührt allen Mitmenschen. Es wäre doch komisch seinem Nachbarn im Stiegenhaus zu begegnen und diesen nicht zu grüßen, nur weil dieser nicht die gleiche Religion hat, oder? Der Umgang mit seinen Mitmenschen geht noch weiter über den Gruß hinaus, denn ein Muslim ist aus islamischer Sicht verpflichtet, einem Nicht-Muslim respektvoll gegenüber zutreten und gerecht zu behandeln. Auf diese Weise zeigt ein Muslim ein gutes und beispielhaftes Benehmen, was im Islam einen hohen Stellenwert hat und als Charaktereigenschaft hoch gepriesen wird.

Schön und gut. Also ist der Umgang mit Nicht-Muslimen islamisch gesehen ebenso wichtig wie jener mit Muslimen. Allerdings erweist sich dieser Umgang oft schwieriger als gedacht, denn Muslime erachten den Aufruf zum Islam als besonders wichtig in Kontakt mit Mitmenschen anderer Religionszugehörigkeit, um so dem Anderen den Islam vorzustellen und zum Islam einzuladen. Doch genau damit ecken sie an, denn der „normale“ Österreicher kennt diesen „Aufruf“ nicht und betrachtet ihn sogar als aufdringlich oder missionarisch. Wirft man einen Blick ein paar Jahre zurück, waren es zuerst die Zeugen Jehovas, die diese Art von Aufruf praktizierten. Dabei gingen sie von Haustür zu Haustür und luden Menschen zu ihrer Religion ein. Doch kein Grund genug, sich dagegen zu sträuben, denn es galt als „harmlos“. Etwas später trauten sich auch Muslime, die Menschen zum Islam aufzurufen, aber auf eine etwas andere Art und Weise. Mediale Berichterstattungen über das Verteilen des Korans, man darf es erwähnen, auf genehmigten Straßenständen, empörten die breite Gesellschaft. Ob es tatsächlich Nicht-Muslime waren, die sich von diesen Straßen-Aktionen belästigt, gedrängt oder gezwungen fühlten oder diese Koran-Verteilungen eher medial so aufgeputscht wurden, sodass diese Aktionen als negativ aufgenommen werden (mussten), weiß niemand so recht. Um wieder von gefühlten Wahrheiten wegzukommen, starten wir einen Erklärungsversuch. Fest steht, dass Muslime den Aufruf zum Islam als etwas positives sehen und es vor allem den gläubigen Muslimen eine große Freude bereitet, einen Nicht-Muslim über die Schönheit des Islams aufzuklären und zu diesem einzuladen. Wichtig zu betonen ist die Einladung – nicht der Zwang.
Und schon lässt sich erkennen, woran es womöglich gelegen hat, dass sich der Muslim mit seinem gut gemeinten Aufruf zum Islam bei Andersdenkenden unbeliebt gemacht hat. Wo Unwissen ist, da ist auch sehr viel Verständnislosigkeit für das Gegenüber. So war im Falle der Koran-Verteilungen die Erst-Kontaktaufnahme von Muslimen und Nicht-Muslimen auf keinerlei Hintergrundwissen gestützt über das, was da eigentlich getan und damit bezweckt wird. Es kam sozusagen zu einem Clash, bei dem sich das Gegenüber überfordert oder bedrängt fühlte, ohne dabei das nötige Wissen über den Islam und den Aufruf zu haben. Es ist kein seltenes Phänomen, sondern schlichtweg menschlich, denn was man nicht kennt, erscheint einem fremd und manchmal sogar bedrohlich.
Hier gelangen wir zu einem äußerst brennenden Punkt, denn der Umgang zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen leidet wie so oft unter dem „Nicht-Kennen“ des Anderen und der darauf folgenden Distanzierung mit endender Ablehnung. Was dann passiert, ist mit einem Versuch aus der Chemie zu vergleichen: Wasser und Öl kennen einander nicht und sind vollkommen unterschiedlich. Gibt man beide Flüssigkeiten in ein Glas, so vermischen sie sich nicht, sondern verbleiben getrennt voneinander im Glas. Der Kontakt ist nur auf der Oberfläche gegeben. Sie verschwimmen nie ineinander. So ähnlich passiert es auch mit Muslimen und Nicht-Muslimen. Sie begegnen einander, doch es kommt äußerst selten zum gemeinsamen Miteinander, zum Kennenlernen. Jede Gruppe bleibt für sich. Es darf niemanden wundern, dass es hier zu Schwierigkeiten und Missverständnissen kommt.

Gerade in pluralistischen Gesellschaften, wie in Österreich, ist es enorm wichtig, ein gelungenes Miteinander zu gestalten und daran zu arbeiten. Von heute auf morgen kann das jedoch nicht gelingen, denn der Wille und Mut, das Andere, oft auch Fremde, kennenzulernen, muss von beiden Seiten gegeben sein. Nur so können erste Schritte Richtung friedlichen Pluralismus getan werden. In diesem Sinne, verbleibt heute der Aufruf zum Miteinander!

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