Sexualität. Über so etwas spricht man einfach nicht. Tabuisiert wird es, indem es als “schandhaft” abgestempelt wird. Deshalb verliert auch niemand ein Wort darüber, weil jede(r) einzelne(r) ab einem bestimmten Punkt im Leben selbst damit umgehen wird oder soll. Nein, zumindest versuchen wird. Wie geht die muslimische Jugend damit um? Und wie soll sie das überhaupt, wo so wenig darüber gesprochen wird und es gerade deshalb ein für Muslime äußerst sensibles Thema darstellt.

Um zum “bestimmten Punkt” zurückzukommen. Gemeint ist damit der Zeitpunkt des Erwachsenwerdens, also die Pubertät, die erste Regel bei Mädchen, und bei den Jungs? Bei der Antwort zögern die meisten Muslime. Viel zu oft sind es Eltern, die ihren Kindern diesen “bestimmten Punkt” niemals anschaulich erklären könnten. Sie warten diesen Zeitpunkt ab. Es bleibt eine Metapher für eine Veränderung im Leben eines muslimischen Jugendlichen,  was im Grunde nichts anderes als ein biologisches Phänomen ist, das durch sein Stillschweigen derartig tabuisiert wird, sodass es bei jungen MuslimInnen Scham und Frustration auslöst.

Bleiben wir doch bei der Metapher. An welchem “Punkt” stehen wir heute?
Zumindest haben sich einige von dem Gefühl der Frustration abgelöst, um offen über das Thema Sexualität zu sprechen. Mit seinem “Busen-Interview” hat Religionspädagoge Prof. Ednan Aslan kurz vor Jahresende für großen Wirbel gesorgt. Dieser Wirbelsturm entstand aus Empörung, Scham und Unverständnis für ein derartig offenes Geständnis eines islamischen Religionspädagogen. Gerade von Seiten der muslimischen Community wurde regelrecht ein Shit-Storm ausgelöst, wie man so etwas überhaupt in der Öffentlichkeit sagen könne, noch dazu als ein wichtiger, in der Öffentlichkeit steheneder Vertreter vieler Muslime in Österreich. “Eine Schande, dieser Aslan.”
Und trotzdem ist dieser Religionspädagoge, dieser Vertreter, dieser Muslim bloß ein Mann, der offen zum Thema Sexualität und der Tabuisierung steht und sprechen kann und darf, denn dabei ist nichts verwerfliches. Warum sollte es das auch sein? Die wenigsten muslimischen Männer oder Jugendlichen sind in der Lage, offen mit einem Erlebnis der sexuellen Frustration umzugehen, geschweige denn darüber zu sprechen. “Es gehört sich einfach nicht”, so viele Muslime. Und doch passiert es. Warum dann nicht auch darüber sprechen? Weg von den Metaphern zu Tatsachen.
Sexualität ist nichts verwerfliches. Es ist eher die Weise, wie viele Muslime damit umgehen, die es dann zu etwas Schandhaftem machen und es letzten Endes auch als solches erleben.

Prof. Aslans “Busen-Erlebnis” hat neben dem Sturm der Empörung sehr wohl auch neue Fragen aufgeworfen, unter anderem, wie sich sexuelle Frustration auf ein junges Individuum auswirken kann. Dazu hatte sich der deutsche Psychologe Ahmad Mansour in einem Gespräch geäußert und das Gewaltpotenzial tabuisierter Sexualität erklärt. Aus seinen Einschätzungen geht hervor, dass, da wo Sexualität mit Schuldgefühlen verbunden und zu sündenhaftem Verhalten aufgeladen werde, stehe ein enormes Gewaltpotenzial zur Verfügung. Ihm nach sei Sexualität eine Urgewalt, die man kontrollieren müsse, jedoch keineswegs unterdrücken dürfe. Eben diese Unterdrückung eines Urinstinktes führe zu einer Desorientiertheit, Frustration und möglicher Gewaltzuwendung bei jungen Muslimen. Freilich kann das nicht als Verallgemeinerung gelten, aber ist es sehr wohl einer Überlegung wert.

Nun, sind wir zu diesem Punkt gekommen und darf endlich darüber gesprochen werden? Der “bestimmte Punkt” bleibt bis auf weiteres unausgesprochen. Gesagt werden kann heute aber einiges: Sexualität und die Unfähigkeit damit umzugehen, was nicht zuletzt verbunden ist mit Scham und religiösem Missverständnis, sind kritisch zu betrachten. Es bedarf Aufklärungsarbeit von Eltern, Gelehrten, Autoritätspersonen, aber vor allem braucht es Offenheit und Mut offensichtlichen Problemen ins Auge zu sehen. Und schon wieder eine Metapher.

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