“Gebe ich ihm den Euro oder nicht? Ah, was soll`s, den brauch ich doch selbst.” Meistens endet dieser Euro in der Kassa eines McDonalds-Verkäufer. Der Cappuccino um 1€ war es doch mehr wert, als der Bettler, der gerade seinen Tagesbedarf irgendwie abzudecken versuchte. Ja, es fällt nicht leicht das eigene Geld einfach so herzuschenken. Haben wir an Großzügigkeit gegenüber unseren Mitmenschen verloren?

Die Nächstenliebe ist in vielen Religionen ein Zentralbegriff, weil es dem Menschen das Gebot der Liebe gegenüber seinen Mitmenschen vorbehält. Man spricht von Mildtätigkeit, sei diese physisch oder psychisch. Man soll großzügig sein und seinen Mitmenschen freundlich und zuvorkommend begegnen. Dazu gehört auch das ein oder das andere Mal, einem Bedürftigen mit einer kleinen Spende zu helfen, sei diese noch so klein. Stöbert man etwas in der Bibel, findet man schnell den bekannten Vers “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” Ein Vers, der sich über Generationen und Kulturen hinweg etabliert hat und bis heute philosophischen Bedeutungsgehalt hat. Auch im Islam ist das Gebot der Nächstenliebe und der Mildtätigkeit gegenüber seinen Mitmenschen sehr präsent und wird im Qur’an häufig mit dem Wort Sadaqa beschrieben. Aus dem Arabischen übersetzt bedeutet Sadaqa Bestätigung. Diese Bestätigung bezieht sich auf den Glauben und die Gutmütigkeit sowie die positive Charaktereigenschaft eines Muslims. Indem man etwas Gutes tut und damit seine Großzügigkeit und Nächstenliebe zeigt, “bestätigt” man den eigenen Glauben und bekräftigt ihn dadurch.

Ihr werdet die (wahre) Frömmigkeit nicht erlangen, bis ihr von dem spendet, was ihr liebt. Und was immer ihr spendet, Gott weiß es. (Al Imran, 92) 

Und wie macht man Sadaqa heutzutage? Die regelmäßigen Moschee-Besucher kennen es. Oft steht eine kleine Kiste mit dem angeklebten Zettel “Freie Spende”. All jene die etwas Gutes tun wollen, jemandem mit einem kleinen Geldbeitrag helfen wollen, können dies ganz anonym machen. Aber nicht nur Moscheen, sondern auch viele andere religiöse Einrichtungen haben dieses Prinzip der Sadaqa für sich entdeckt. Übrigens gibt es bei McDonalds auch kleine Büchsen, in denen man ganz einfach Geld spenden kann für Hilfsbedürftige. Sie stehen meist unauffällig dort, wo man für sein Bestelltes zahlt.
Sadaqa funktioniert überall. Warum dann nicht persönlich, unter vier Augen, lächelnd und vom Herzen? Ja es fällt schwer, einfach so etwas herzugeben, direkt in die Hände jener, die es brauchen. Großzügigkeit hat heute eine andere Dimensionen erreicht. Wie wir bloß dazu gekommen sind, ist eine andere Frage.

Zumindest die “Generation von heute” hat es schwer mit der Großzügigkeit. Hat sich die Fähikgeit zur Empathie, die Nächstenliebe in Luft aufgelöst? Findet man helfende Hände etwa nur mehr unter dem Logo der Caritas oder der Gemeinschaft Train Of Hope? Wer hilft, muss auch gesehen werden. Ganz klassisch mit einem Foto auf Facebook oder auf Instagram. Man hilft ja nicht umsonst. Den Bettler auf der Straße mit einem Sandwich zu erfreuen, dabei vielleicht nur von paar Passanten gesehen zu werden, gibt einem nichts mehr. Großzügigkeit und Hilfeleistung basiert immer weniger auf dem Prinzip der Nächstenliebe, sondern eher auf dem Prinzip: Seht her, ich helfe.

Womöglich hat Empathie heute einen ganz anderen Wert erreicht, weil es Armut überall auf der Welt gibt und es den Einzelnen auch nicht großartig angeht. Besonders in Großsstädten, wo man tagtäglich an Obdachlosen vorbeigeht, ja vorbeistürmt, um jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, denn das könnte einen Funken Mitleid in uns auslösen, nimmt man diese nur noch peripher wahr. Der Bezug zum Menschen, dem man helfen könnte, ist anders geworden. Heute sind es Spenden-Kisten oder große Organisationen, die uns die Möglichkeit geben zu helfen.

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