“Der größte Teil der Jugendlichen betrachtet die Religion als Supermarkt.”

Wir durften bei einem Vormittagsspaziergang in der Kasbah den Prof. Rachid JarmouniRachid kennenlernen kennenlernen und ihm unser Projekt vorstellen sowie Ideen und Meinungen austauschen. Bei einem gemütlichen Tee erzählte Prof. Jarmouni über seine Forschungsergebnisse und seine Arbeit als Professor für Religionssoziologie an der Universität Meknes, An dieser Stelle vereinbarten wir ein Interview über spannende Fragen bezüglich Religion-Staat-Gesellschaft, welches wir später führen werden.

madrasa meridine saleZuvor aber fuhren wir noch in die Nachbarstadt von Rabat, nach Sale. Diese Stadt war bis ins madrasa meridine sale219. Jh. bekannt für ihre Sufi-Heiligen und im Besonderen für ihre seit dem 14. Jh. bestehenden Madrasas. Im Mittelpunkt unseres Sale-Aufenthalts stand die Besichtigung der Madrasa Merinide, die vom Volk von Sale als Stiftung (arab. Waqf) errichtet wurde. Im Erdgeschoß wurde gelehrt, gelenrt und gebetet. In den oberen Stockwerken befanden sich viele Studentenzimmer ohne Fenster und mit einer Maße von 1m x 2,5m. Der Professor führte uns dabei äußerst detailliert in die Geschichte und Funktion dieser Madrasa ein – äußerst lehrreich.

Während die Frauengruppe zurück zum Hotel fuhr und den restlichen Nachmittag individuell gestalten durfte, folgten Khaled und ich folgten der Einladung des Professors, bei ihm zu Hause zu essen, denn seine Frau hätte Couscous mit Gemüse und Fleisch gekocht. Nach einer kurzen Autofahrt, kehrten wir vor dedr Haustüre des Professors in ein Cafè ein, um das von mir gewünschte Interview noch vor dem Mittagessen und der Bekanntschaft mit seiner Familie zu führen. Hier die drei Fragen samt den Antworten des Professors:Rachid interview

  • Wie leben die Jugendlichen in Marokko den Islam heutzutage?

Prof. Jarmouni sagte, dass es speziell unter Jugendlichen ein ambivalentes Verhältnis zur Religion gebe. Ein Teil der Jugendlichen, ein sehr kleiner Teil, gehe in die Richtung der Radikalität. Der mit Abstand größere Teil aber betrachte die Religion als eine Art Supermarkt, wo sie sich jene Sachen herausnehmen, die ihnen passen. Dieses Verhältnis ist im Sinne der Bricolage (Gebastel) zu verstehen, das bedeutet, dass die Jugendlichen versuchen einen Weg zwischen Islam und Modernität zu finden.

  • Wie wichtig ist Religion für die Kontrolle oder für die Führung eines Staates?

Professor Rachid Jarmouni sagte: “Es ist schwierig den Zusammenhang zwischen Politik und Islam in Marokko zu verstehen ohne dabei die historischen Umstände zu berücksichtigen. Die Legalität und die Legitimität in Marokko waren immer an die Religion gebunden. Da Marokko ein islamischer Staat ist, sind jegliche staatliche Entscheidungen auf religiöser Basis zu begründen. Gleichzeitig hat Marokko als Staat das Machtmonopol und vertritt den Islam, nicht jedoch die einzelnen Parteien. Im alltäglichen politischen Geschehen dürfen die Parteien keinen Einfluss auf die Religion nehmen. Auf Ebene der Gelehrten und Imame gab es in diesem Kontext eine Veränderung. Vor 2003, noch vor den Anschlägen in Casablanca und in anderen Orten Marokkos hatten die Gelehrten fast keinen Einfluss auf die Religion. Danach gab es einen Wandel des Islamverständnisses, wodurch die offiziellen Gelehrten mehr Einfluss auf das politische Leben bekamen. So gibt es in ganz Marokko repräsentative Kommissionen von Gelehrten, die für verschiedene Angelegenheiten zuständig und befugt sind. Auf Staatsebene gibt es keine Trennung zwischen Politik und Religion. Doch auf politischer Ebene gibt es sehr wohl eine Trennung  zwischen Politik und Religion. Innerhalb der Gesellschaft gibt es verschiedene Strömungen, die in eine konservativere oder in eine moderne, aufklärerische Richtung fließen.”

  • Da es nie genug Bildung für das Volk geben kann, fragte ich Prof. Jarmouni: Auf welche Pfeiler soll sich die religiöse Bildung stützen bzw was ist im Bereich der Bildung zu unternehmen?

Prof. Jarmouni bezieht sich auf die Bildung in Schulen. Hier bemängelt er die fehlende Erneuerung von veralteten Lehrkonzepten, die dem heutigen Zeitgeist nicht mehr entsprechen. Er hinterfragt z.B., warum in Schulen die anderen Religionen nicht als gleichwertig angesehen werden. Hier ist von einer Marginalisierung der Religion zu sprechen, die in den Köpfen der Schüler und Schülerinnen stattfindet. Exklusion nennt Prof. Jarmouni diese Art von Einschränkung des Religionsverständnisses. Ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans in Schulen sei die Lehre der Menschenrechte. Diese sollen in das Schulsystem verankert werden. Er meint auch, dass es einen Widerspruch zwischen den Fächern “Islamische Religionsbildung” und “Bürgerrechtsbildung” gäbe. Diese Ungleichheiten im Lehrplan müssen unbedingt aufgehoben werden. Diversität in Marokko sei, so Jarmouni, eine Bereicherung, kein Widerspruch. In Marokko gibt es verschiedene Identitäten, die auch in den Schulen sichtbar gemacht werden müssen. Jarmouni spricht von einer Modernisierung und Neuinterpretation von klassischer Exegese. Der Text müsse heute einer Neuhermeneutik unterlaufen, die ein Gleichgewicht zwischen Modernität und Authentizität schaffen soll. Er nennt als Beispiel das Erbrecht, das in der klassischen Exegese eine klare Ungleichheit zwischen Mann und Frau aufzeigt. Die Auslegung dieses Themas hat bis heute einen rationalen Umsccouscoushwung erlebt. Gerade in gebildeten Gesellschaftsschichten geht man rationaler mit dieser Frage um. So teilen z.B. Eltern schon zu Lebzeiten das Erbe zwischen Sohn (Söhnen) und Tochter (Töchtern) auf. Doch fragt man nach einer Änderung des Textes in diesem Sinne, wird klar darauf verzichtet. Hier ist ein Widerspruch zwischen Textverständnis und Realität zu erkennen. Dieser Widerspruch kann sich heute klarerweise nicht mehr bewähren.

Michael berichtet vom Treffen mit Ilyass:
Nach dem Essen mussten sowohl Khaled als auch unser neu gewonnener Freund zu verschiedenen Termin, weshalb ich mich am späten Nachmittag mit Ilyass traf, der sich als einziger männlicher Wissenschaftler Marokkos mit dem Thema “Islamischer ilyass rabatFeminismus” beschäftigt, an der Fakultät für Literatur und Geisteswissenschaften an der Universität Mohammad V. in Rabat.  Ich durfte ihn schon gestern kurz kennenlernen, wollte aber ein ausführlicheres Gespräch mit ihm führen. Wir spazierten zu einem netten Cafe in der Kasbah und fanden die eine sowie die andere Gemeinsamkeit unserer Arbeitsweise, so etwa, dass wir beide gern nachts arbeiten. Seine Doktorarbeit schreibt er übrigens über die Rolle der Frau in einer patriarchal ausgerichteten Gesellschaft unter Heranziehung der Rechtsquellenfindung des Idschtihad (eigene Urteilsbemühung) im Hinblick auf ein modernes Islamverständnis. Unter anderem wirft er die Frage aufwirft, wie sich eine vorherrschende hierarchische Rollenverteilung verändern würde, wenn die Frau als Mutter und Erzieherin einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert hätte. So erzählte er mir, dass etwa vor ca. 10 Jahren in den alten Identitätsausweisen der Frauen, die als Mütter ihre Pflichten erfüllten, zu lesen war: “ohne Beschäftigung”. Die geringe Wertschätzung gegenüber Frauen widerspreche vor allem dem islamischen Prinzip der Gleichheit. Wir stürzten uns in eine tiefgründige Diskussion,etwa wer Ilyass in Rabat 03 16überhaupt die Befugnis hätte, die Wort Gottes für die Menschen auszulegen: “Jedenfalls Gelehrte mit zwei Voraussetzungen, Kompetenz und Vertrauenswürigkeit.”, sagte Ilyass. Es war ein ernstes aber auch lustiges Gespräch, so erzählte er mir folgenden Witz: “Der Sohn fragte den Vater, was den ein Mann sei bzw was einen Mann denn auszeichne. Der Vater antwortete, ein Mann müsse stark sein, er müsse für die Familie sorgen können, er soll liebenswürdig und herzlich sein. Daraufhin sagte der Sohn: ‘Dann möchte ich ein Mann sein, der so wie meine Mama ist.”

Abschließend wurde mit Ilyass noch vereinbart, dass CEAI seine englischsprachen Texte veröffentlichen darf. Die Frage nach dem Zugang zu wissenschaftlichen Werken und im Allgemeinen zu Wissen beantwortete Ilyass so: “Jegliches Wissen muss frei und einfach zugänglich sein.” Ich dankte ihm herzlich für dieses wunderbare Treffen, für diesen großartigen Wissensaustausch, für eine neue Freundschaft und letztlich für eine hoffentlich erfolgreiche Kooperation.”

Am Abend fielen wir alle hundemüde ins Bett. Bis morgen! [Den gesamten Reiseblog Marokko finden Sie hier!]