Sule Dursun studierte islamische Religionspädagogik an der IRPA und unterrichtet seit bereits 6 Jahren islamische Religion an Höheren und Berufsbildenden Höheren Schulen. 

Der islamische Religionsunterricht wird von der Islamischen Glaubensgemeinschaft verwaltet, was auch bedeutet, dass die vermittelten Inhalte der islamischen ReligionslehrerInnen von den zuständigen Inspektoren kontrolliert werden. Prinzipiell ist die Schulleitung eher für den organisatorischen Rahmen zuständig. Für schulexterne oder interessierte Personen sind die Lehrpläne für den Islamischen Religionsunterricht online zugänglich. Allerdings wird meines Erachtens weder durch den Lehrplan, noch durch die islamischen Religionsbücher, die in den Schulen verwendet werden und nicht nach Schulstufen gegliedert sind, eine praxisnahe Veranschaulichung möglich gemacht.

Aus diesem Grund entsteht ein großes Interesse daran, welche Inhalte im Islamischen Religionsunterricht behandelt werden. Dieser Artikel zielt darauf ab, den geschlossenen Raum im Islamischen Religionsunterricht den Lesern zu öffnen und bekannt zu machen. In diesem engen Rahmen möchte ich über eine Unterrichtssequenz schreiben, die ich im Religionsunterricht als enge Bezugsperson miterleben durfte. Konkret geht es um Fragestellungen  und theologische Stellungnahmen meiner SchülerInnen.

Ein Schüler aus der fünften Schulstufe kam zu Beginn der Unterrichtseinheit sehr aufgeregt zu mir und wollte unbedingt die Stunde mit seinen dringenden Fragestellungen eröffnen. Seine Fragestellung „Warum können wir Gott nicht sehen, wenn Er existiert!?“ bekam sehr schnell Aufmerksamkeit von seinen MitschülerInnen.
Ich fühlte sehr intensiv, dass die Enttäuschung, Gott nicht sehen zu können, groß war. Alle SchülerInnen waren sehr nachdenklich und waren neugierig, wie die Diskussion fortlaufen würde. In diesem Moment wurde mir klar, dass nur ein altersgerechtes, exemplarisches Vorgehen meinerseits zur Erklärung hilfreich sein könnte. Da ich in Zeichnen nicht gut bin, malte ich auf die Tafel eine grobe Skizze von einem Bilderrahmen und bat meine SchülerInnen, sich in diesem Bildrahmen ein sehr schönes Bild vorzustellen. Anschließend fragte ich sie,  wie dieses Bild entstanden ist. Ihre Antwort lautete, dass ein Bild selbstverständlich von einem Künstler gemalt wird und dieses dadurch zustande kommt.  Diese Reaktion war für mich eine Gelegenheit, mich darauf zu beziehen, dass jedes Bild einen besonderen kreativen Künstler hat und jedes einzelne Bild einzigartig ist.  Ich ging einen Schritt weiter und bezog mich auf alle Menschen und wollte ihnen näher bringen, dass sie und alle Menschen wunderbar und einzigartig sind. Diesmal war der Künstler der barmherzige Gott.  Auf meinen Ansatz reagierte ein Schüler wiederum mit einer provokanten Gegenfrage: „Der Künstler hat eine Telefonnummer, aber Gott können wir nicht erreichen!?“ 

Auch diese Frage wurde in der Gruppe sehr nachdenklich aufgenommen. In diesem Moment spürte ich eine nette Herausforderung in mir und überlegte mir schnell, wie seine MitschülerInnen oder ich die Interaktion fortführen könnten. Ich bat alle MitschülerInnen über die gestellte Frage nachzudenken und Stellung zu beziehen. Die Reaktionen der SchülerInnen gingen liefen darauf hinaus: „Gott kann ich nicht erreichen.“ In diesen Minuten hatte ich ebenso die Möglichkeit über meine Stellungnahme nachzudenken. Meine Antwort lautete, dass der barmherzige Gott auch eine Telefonnummer hat. Die Telefonnummer von Gott wäre – so mein Ansatz- unser persönliches Bittgebet, in dem es Menschen gelingt, sowohl in unseren guten als auch in schlechten Zeiten Gott immer erreichen zu können und, dass der liebende Gott uns in unserem Leben begleitet und uns nicht im Stich lässt.

In diesem Moment entstand im Raum eine Stille. Meine Intention war nicht, alle SchülerInnen von der Existenz Gottes zu überzeugen, sondern die ratsuchenden SchülerInnen in ihrem Denkprozess zu begleiten. Es wurde auch von den SchülerInnen angesprochen, dass Gott auf die persönlichen Wünsche ja nicht sofort reagieren würde. Das führe auch zur Enttäuschung bei einigen. In diesem Moment bekam ich das Gefühl als Mitdiskutierende meinen Ansatz zu äußern. Dazu äußerte ich mich so, dass Gott mir  meine Wünsche jede Sekunde erfüllt, da ich jede Sekunde lebe und dadurch ein schönes, glückliches Leben gestalten darf und noch zusätzlich meine Lebensfreude mit meiner Familie und meinen Freunden usw. teilen darf.

All diese Ideen waren für mich persönlich theologische Stellungnahmen seitens meiner MitschülerInnen, die ich mit einer großen Begeisterung  aufnahm, die mich  auch im Zukunft beschäftigen werden.

Wenn es mir gelingt, möchte ich sehr gerne weiterhin die Interessierten schrittweise anhand exemplarischer Unterrichtssequenzen zum Islamischen Religionsunterricht hinführen. Ich möchte auch anmerken, dass die SchülerInnen besonders im Religionsunterricht die Chance haben, ihre persönlichen Fragen zu stellen und mit ihrer kritischen Betrachtungsweise den Religionsunterricht bereichern.

 

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