Eine neutrale Präsentation Ethik gibt es nicht. Der (konfessionelle) Religionsunterricht bringt eine bestimmte Sicht der Dinge, der ich zustimmen kann oder von der ich mich distanzieren kann. Die Entscheidung für oder dagegen benötigt eine Innensicht der Dinge. Erst wenn ich urteilsfähig bin, bin ich auch wirklich handlungsfähig. Nur “neutrale Fakten” versuchen zu nennen (die gibt es nicht) greift einfach zu kurz.
Dieser Zeitungsartikel sagt es sehr schön: der Mensch ist zur Moral geboren, aber es ist nicht festgelegt zur welchen: Moral und Ethik sind kulturabhängig geformt und im jeweiligen gesellschaftlichen Gedächtnis abgespeichert.
Prof. Englert spricht sich für den Religionsunterricht aus. 3 Absätze aus seinem 10-seitigen Referat:
“Auf dieser Spur müsste eine zukunftsfähige Form konfessionellen Religionsunterrichts die Erfahrung vermitteln: Der Referenzrahmen einer bestimmten religiösen Tradition hilft mir, religiöse Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit zu entwickeln. Diese Tradition, in unserem Falle die christliche Tradition, bietet mir Geschichten und Gleichnisse, theologische Unterscheidungen und spirituelle Modelle, Bilder und Visionen, die mich – auch wenn ich mich vielleicht gar nicht als Christ bezeichne – in intensiveren Kontakt mit dem bringen, was für mich selbst wichtig ist. Sie bietet mir einen Ausgangspunkt für eigene Sinnkonstruktionen. Und eben diese Fähigkeit, sich einen eigenen Reim aufs Leben machen zu können, ist ent-schieden bildungswichtig.”
“Religiöse Bildung sollte daher nicht nur gegenüber den verschiedenen Formen religiösen Fundamentalismus kritisch machen, sondern auch gegenüber einem vermeintlich der Toleranz geschuldeten weltanschaulichen Neutralismus. Sie sollte nicht nur jenen gegenüber wachsam machen, die ihre religiöse Wahrheiten verabsolutieren, sondern auch denen gegenüber, für die es im Bereich des Religiösen schlicht „kein wahr und kein falsch” geben kann und für die letztlich alle Katzen grau sind. Denn wo ein solcher Unterscheidungsanspruch ganz aufgegeben wird und die Frage nur noch ist, ob sich jemand mit seinen eigenen Sinnkonstruktionen selbst einigermaßen wohlfühlt, ist im Bereich des Religiösen nichts mehr unmöglich. Wenn sich keine Kriterien mehr benennen lassen, nach denen mehr oder weniger zulängliche Antworten auf religiöse Fragen unterschieden werden können, lässt sich nicht mehr begründen, warum der Glaube an die Sterne nicht auf derselben Ebene anzusiedeln ist wie der Glaube an Jesus Christus. Und dann ist im Religionsunterricht vielleicht noch ein persönlicher Erfahrungsaustausch oder eine sachkundliche Information möglich, aber nicht mehr ein an der Idee der Wahrheit orientierter Diskurs. Wenn daher im religiösen Bereich von so etwas wie Kompetenz, Lernen oder Bildung überhaupt sinnvoll gesprochen werden können soll, darf die regulative Idee, dass religiöse Wahrheit – in den uns Menschen möglichen Grenzen – erfahrbar, denkbar und kommunikabel ist, meines Erachtens nicht preisgegeben werden.”
“Die zentrale Aufgabe modernen Religionsunterrichts ist es, die religiöse Orientierungsfähigkeit seiner Schüler/innen zu stärken. Orientierungsfähigkeit ist aber nicht schon da gegeben, wo man vieles kennt und manches weiß; sie entwickelt sich vielmehr erst da, wo man aus seiner Rolle als neutraler Beobachter heraustritt und sich aufgefordert fühlt, selbst Stellung zu beziehen. Wo Religion auf Distanz gehalten wird, und bloß – mit welchen Mitteln auch immer – von außen analysiert wird, kann ihr eigener Anspruch nicht zum Tragen kommen. Religionen wollen den Menschen ja nicht lassen, wie er ist, sondern für Erfahrungen sensibilisieren, die ihn über sich hinausführen: indem sie ihn konfrontieren mit der Kontingenz des Da-seins; indem sie ihn behaften mit der Not des Anderen; indem sie ihn achtsam machen für das Seufzen der Schöpfung; indem sie ihn aufschließen für das Geheimnis der Welt. Wer Religionen verstehen will, muss diesen Anspruch wenigstens vernommen haben, auch wenn er ihn für sich selbst vielleicht zurückweist.”

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