Oft habe ich mich gefragt, wie mein Leben eines Tages enden wird. Was danach folgen wird. Warum wir überhaupt sterben müssen. Oft überkommt mich die Angst. Wovor eigentlich, wenn im Koran von einem ewigen paradiesischen Leben gesprochen wird, das ich mir durch mein islamisches Tun und Handeln im Diesseits verdienen könnte. Ich habe beschlossen, mich meiner Angst zu stellen und dem Tod ein freundliches Hallo auszurichten.

Kaum stirbt eine bekannte Persönlichkeit trauert die Ganze Welt um ihn oder sie. Plötzlich denkt man an das Sterben und die Realität scheint einen einzuholen: Irgendwann kommt auch mein Todestag. Doch wenige halten sich zu lange mit diesem Gedanken auf, denn man lebt ja nur einmal. YOLO (steht für you only live once) gilt mittlerweile als Lebensweisheit der Moderne. In der westlichen Welt hat der Tod nichts verloren, weil er viel zu oft tabuisiert wird und man darüber nicht gerne spricht. Warum? Noch nie hat sich jemand auf den Tod gefreut oder über den Verlust einer geliebten Person nicht getrauert. Tod bedeutet das Ende eines wertvollen Lebens, das Loslassen, die Angst davor, die Ungewissheit, die Trauer.

Der Tod ist dein Geburtsrecht.
Er ist ein Geschenk,
auf das jeder Anrecht hat.
Er ist eine Ruhestätte für die Erschöpften,
eine Zuflucht für Gejagte,
eine Lehre für diejenigen, die auf Abwege geraten sind,
ein Meilenstein für den Pilger
und ein Paradies für die Gläubigen.

Sai Baba

Der Umgang mit dem Tod bzw. die ständige Bewusstseinsschaffung dieses Ereignisses ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Dabei spielt auch die Religion eine entscheidende Rolle, denn Leben und Tod werden je nach Konfession unterschiedlich aufgefasst. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder Mensch die gleiche Vorstellung vom Tod hat. Aus islamischer Perspektive bedeutet Tod “nur” das Ende des Diesseits und gilt als “Transitzone” zwischen dem Leben auf der Erde (dunya) und dem Leben nach dem Tod (akhira). Die Konzentration auf das Leben nach dem Tod ist beinahe gleichzusetzen mit der auf das Leben im Diesseits. So wird die dunya als vergänglich bezeichnet und akhira als das ewige Leben nach dem Tod. Das Diesseits wird auch als Prüfung gesehen, mit der man sich durch seine guten oder schlechten Taten das Paradies oder die Hölle verdienen kann. In etlichen Versen wird von der dunya und der akhira gesprochen, wie z.B. in folgenden Versen:

Doch ihr zieht das irdische Leben vor, wo doch das Jenseits besser und dauerhafter ist.
(Q 87:16-17)

Alles, was auf Erden ist, wird vergehen. Aber das Angesicht deines Herrn bleibt bestehen, des Herrn der Majestät und der Ehre.
(Q 55:26-27)

Wisset, dass wahrlich das diesseitige Leben nur ein Spiel und ein Zeitvertreib ist und ein Prunk und Geprahle unter euch und ein Wettrennen um Vermehrung von Gut und Kindern. Es gleicht dem reichlichen Regen, dessen Pflanzenwuchs den Säern gefällt. Dann verdorrt er, und du siehst ihn vergilben; hierauf wird er brüchig. – Und im Jenseits gibt es eine strenge Strafe, aber auch Vergebung von Gott und Wohlgefallen. Und das diesseitige Leben ist nichts anderes als eine Nutznießung, durch die man sich betören lässt.
(Q 57:20)

Muslime scheuen die Erwähnung des Todes kaum. Eine Tabuisierung dieses ist nur begrenzt möglich, weil es eine ständige Bewusstseinsschaffung dieser Tatsache gibt. Bedeutet dies nun, dass Muslime keine Angst vor dem Tod haben? Keineswegs, denn der Tod bedeutet auch immer Verlust. Mit dem Tod begeben sich Muslime auf neues Terrain, dort wo ihr ganzes irdisches Leben auf die Waage gestellt wird. Am Tag des Jüngsten Gerichts (yawm al qiyama) wird die ganze Menschheit nach dem Tod aller Menschen und der Zerstörung der ganzen Welt auferweckt werden und vor “Gericht” gehen. Dieser Tag wird auch als Tag der “Abrechnung” gesehen.

Mein Leben zieht an mir vorbei und ich zähle, wie oft ich das Gebet verrichtet habe, wie oft ich gelästert habe, wie oft ich Sünden begangen habe, wie oft ich an einem Obdachlosen vorbeigegangen bin und ihm nicht geholfen habe, wie oft ich davon geredet habe die Pilgerfahrt zu machen und es nie tat, wie oft ich die Möglichkeit hätte nutzen können, um Gott um Vergebung zu bitten. War ich eine gute Muslimin, ein guter Mensch? Wird Gott mit mir zufrieden sein? Der Tag der Abrechnung naht. Ich habe Angst.

Wer behauptet keine Angst vor dem Tod zu haben, lügt. Denn diese Angst ist dem Menschen angeboren. Ob Muslim oder Nicht-Muslim. Wie man damit umgeht oder sich dessen bewusst wird, kann aber unterschiedlich sein. Hier denke ich, wird im Menschen etwas Natürliches ausgelöst. Sich des Todes bewusst zu werden, bedeutet auch zwangsläufig sich intensiver mit dem Leben im Diesseits auseinanderzusetzen. Warum leben wir überhaupt? Was bedeutet das Leben? Wie kann ich ein erfülltes Leben führen? Was ist der Sinn des Lebens? Gott möchte, dass wir uns mit dem Tod beschäftigen, um im Zuge dessen zu erfahren, warum wir eigentlich existieren und worin der Sinn des Lebens besteht. Darin besteht auch der Glaube: Wir erfüllen einen Zweck im Diesseits, unser Leben in der dunya hat sehr wohl einen Sinn und es erwartet uns ein Jenseits nach dem Tod. Hierzu Verse, die den Sinn des Lebens vorbehalten:

Wir haben Himmel und Erde, und (alles) was dazwischen ist, nicht zum Zeitvertreib geschaffen. Wenn wir uns eine Zerstreuung hätten verschaffen wollen, hätten wir das von uns aus gemacht (ohne die kreatürliche Welt dazu zu benötigen) – wenn wir überhaupt vorgehabt hätten, etwas (Derartiges) zu tun.
(Q 21:16-17)

Und wenn einer tut, was recht ist, (gleichviel ob) männlich oder weiblich, und dabei gläubig ist, werden wir ihn dereinst bestimmt zu einem guten Leben (wieder)erwecken. Und wir werden ihnen (d.h.denen, die rechtschaffen und dabei gläubig sind) ihren Lohn bestimmt für ihre besten Taten erstatten (ohne ihre schlechten Taten anzurechnen).
(Q 16:97)

Mein Leben hat einen Sinn. Ich möchte mich der Erfüllung meines Lebens im Diesseits zuwenden. Denn alles was ich hier tue, wird für das ewige Leben gezählt. Ich bemühe mich. Ich versuche, Gutes zu tun. Ich liebe mein Leben. Der Tod? Er kommt, wenn Gott es so will. Ich habe keine Angst.

 

 

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