12063658_105956826431167_4146062414971541869_n

Maynat Kurbanova wurde 1974 in Tschetschenien geboren. Sie studierte Journalismus und Philologie. Als Kriegsberichterstatterin schrieb sie jahrelang über den Krieg und die Menschenrechtslage in Tschetschenien, u.a. auch für FAZ, SZ, France Presse. Sie arbeitet derzeit als freie Journalistin und Autorin.

Wenn es um die Wichtigkeit des Zusammenhalts der Muslime geht, wird oft ein Hadith des Propheten zitiert, nach dem sich die Umma auf 73 Gruppen teilen wird. Doch oft sind genau die Menschen, die diesen Hadith so gerne zitieren, auch diejenigen, die zur Spaltung der Muslime maßgeblich beitragen.

 

Gebürtige Muslime, die ihre religiöse Identität vor kurzem und für gewöhnlich durch “Zufall” entdeckt haben, darunter viele junge Konvertiten, die versuchen den Islam eifriger als die muslimischen „Aborigines“ auszuüben, und sich dadurch Anerkennung zu verdienen versuchen. Salafisten, die ihre Ideologie den jungen Menschen aufzuzwingen versuchen. Sie alle zitieren oft und gerne einen Hadith, in dem es um die Spaltung der Umma, also der islamischen Gemeinschaft, geht. Da ich mit solchen, meist jungen Menschen fast täglich zu tun habe und oft ins Gespräch komme, dachte ich eigentlich, dass mich in Bezug auf dieses Thema nichts mehr verwundern könnte. Doch es kam anders.

Ein Facebook-Bekannter hatte mich vor kurzem nach der Situation in Marokko gefragt, weil er erfahren hatte, dass ich im Rahmen der vom Institut für Islamische Studien organisierten Studienreise dieses wunderschöne Land besuchte. So begeistert wie ich war, habe ich gerne davon berichtet – über verschiedenen Städte, die wir bereisten, über märchenhafte Landschaften und vor allem über Menschen. Wissenschaftler, Taxifahrer, Gemüse-und Obstverkäufer, Muezzins, über Frauen auf Motorrädern.  Ich habe auch über unseren Besuch am Zentrum für islamischen Forschungen in Rabat erzählt und über Frauen, die an einer feministischen Auslegung des Koran arbeiten, wie z.B. Asma Lamrabet. Mein Bekannter, der bis zu diesem Punkt sehr interessiert und ja auch begeistert zu sein schien, wurde plötzlich misstrauisch. Er fragte, ob diese Frauen „Ahl Sunna“ (Leute der Sunna) sind. Ich musste im ersten Augenblick tief durchatmen. Dann sagte ich ihm, ich würde all diese Teilungen und Kategorisierungen der Muslime nicht verstehen, genauso wie ich nicht verstehe, warum es so wichtig sei, dass jemand unbedingt  zur genannten Gruppe gehören würde. Mein FB-Freund antwortete, dass ich gewiss doch den Hadith von unserem Propheten kennen müsste, in dem er die Spaltung der muslimischen Umma prophezeit hätte. „Deswegen ist es wichtig zu wissen,  dass wir zu der geretteten Gruppe gehören und auch nur Kontakte zu Menschen pflegen, die gerettet sind“, meinte mein Gegenüber. Ich habe zwar nicht verstanden, wie er zu wissen glaubte, wer tatsächlich gerettet wird und wer nicht, noch weniger war es mir aber begreiflich, warum er sich so sicher war, dass auch er (oder „wir“, wie er es charmant sagte), zweifelsohne dazu gehören. Ich habe aber zugegeben, dass ich den genannten Hadith natürlich kenne. Wer kennt ihn gerade heute nicht?

In der Sammlung von Tirmidhi ist dieser Hadith so zu lesen: Wahrlich, die Leute des Buches vor euch teilten sich in 72 Sekten. Und diese Nation (Ummah) wird sich in 73 Sekten spalten, 72 davon sind im Feuer und eine im Paradies.“
In einer anderen Überlieferung sieht der Hadith bei Tirmidhi so aus:„ Alle sind im Feuer, außer einer.“ Es wurde gefragt:“ Wer ist diese eine?“ Er -Gottes Heil und Segen auf ihm – antwortete: “Das, worauf ich und meine Gefährten beruhen“. Es gibt verschiedene Varianten dieser Aussage, die in allen Hadith-Sammlungen zu finden sind. Manche Überlieferer haben ihn mit der Ergänzung „72 im Höllenfeuer und eine im Paradies: das ist die Jamaah (Gruppierung)“ weitergegeben.

Interessant ist, dass die Überlieferungskette des Hadiths zu Muawwiya, dem Sohn von Abu Sufyan, führt. Aber das nur nebenbei bemerkt.

Doch zurück zu unserem Gespräch. Ich fragte den jungen Mann, zu welcher Gruppe er sich selbst zählte. Er hoffe, antwortete er,  zur Gefolgschaft des Propheten zu gehören, zu „Jamaah“.

“Hatte unser Prophet dazu aufgefordert, dass  seine „Gefolgschaft“  seine Worte dafür missbraucht, die Muslime mit verschiedenen Stempeln abzuwerten und herabzuwürdigen?” fragte ich ihn. “Hat der Prophet mit dieser Aussage beabsichtigt, dass seine „Gefolgschaft“ genau das Gegenteil dessen macht, wofür er stand: gegenseitiger Respekt und Anerkennung? Oder wollte er vielleicht mit seinen Worten genau davor warnen, was ihr, seine „Gefolgschaft“ so gerne tut?”, fragte ich ihn. Hat unser Prophet jemals gesagt, seine „Gefolgschaft“ soll seine Worte über den Koran stellen, wie manche aus  seiner „Gefolgschaft“ das tut? Und überhaupt, hatte unser Prophet eigentlich nicht verboten, seine Aussagen aufzuschreiben, damit genau das verhindert wird, was nach seinem Ableben passiert ist – jahrhundertelang andauernde Streitereien und ständiges Abstempeln der Muslime durch andere Muslime, die den Anspruch auf einzig “wahre” Anhänger des Propheten, auf einzig wahre „Muslime“ an sich gerissen haben – oft mit Gewalt, Manipulationen und Machtmissbrauch?

Mein FB-Freund blieb unbeeindruckt. Er wünschte mir, dass ich möglichst schnell auf den rechten Weg komme. Ich glaube sogar, er hat das ehrlich gemeint. Denn nach kurzer Zeit erzählte er mir total begeistert davon, dass er zum ersten Mal im Leben in seinem Dorf das Freitagsgebet leiten durfte. Und dass er jetzt fast fließend Arabisch lesen kann. Er lernt nämlich seit einigen Wochen Arabisch bei einem Dorf-Imam. „Um den Koran lesen zu können“, sagte er.