Ausgangspunkt für diesen Artikel ist die gegenwärtige Debatte über die Gründe des Tragens der islamischen Verschleierung. Die Erklärungsversuche derer, die Antworten darauf suchen, sind immer auf eine gewisse Wortwahl beschränkt: “Unterdrückung der Frau, gesellschaftlicher Rückschritt, westliche Werteverweigerung, politische Identität, Arroganz und radikal theologische Auslegung.”

Das alles mögen berechtigte Aspekte sein, um diesem Phänomen Rechnung zu tragen. Doch möchte ich gerne auf den psychologischen Aspekt eingehen und ihn der Öffentlichkeit bewusst machen.

Betrachten wir doch einmal den Aspekt der weiblichen Psyche, ohne hier wissenschaftliche Zitate liefern zu wollen, sondern vielmehr auf einfache Umstände einzugehen. Es ist doch weltweit bekannt, dass Frauen rund um den Globus auf ihr Äußerliches reduziert werden. Auch wenn Religionen oder Ideologien ein heiliges Ideal propagieren, so sieht die Realität einfach anders aus. Geradezu so, als würde die Theorie stimmen, dass rein evolutionsbiologische Programme die Wahrnehmung der Frau bestimmen. Um eben diesen gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden, reagiert die Frau unbewusst so darauf, wie es von ihrem kulturellen Umfeld gefordert wird. Sie will begehrt sein, weil es evolutionsbiologisches Programm ist, weil es mit der Menschheit weitergehen muss. Es gibt in der westlichen Welt Frauen, die aus diesem „Programm“ aussteigen wollen und ihre Weiblichkeit negieren, indem sie in eine Arbeitshose anziehen, mit Schraubenziehern werkeln oder ihre weiblichen Reize durch das Rasieren einer Glatze verstecken.

Wenn eine im Westen aufgewachsene Frau alle Freiheiten hat, sich also frei ausdrücken zu können und sie entweder über Intelligenz verfügt oder eine physische Erscheinung hat, die dem aktuellen Schönheitsideal entspricht, so wird sie diese Mittel gewissenhaft einsetzen, um sich erfolgreich im Leben zu positionieren.

Sie kann, wie manche unbedeutende Persönlichkeiten der Beauty-Szene oder des Show-Geschäfts, mit ihren weiblichen Reizen Millionengeschäfte durch unerklärliche Aufmerksamkeit machen und sich gut verkaufen oder aber sie kann sich durch ihre gesellschaftlichen Aktivitäten,  wissenschaftlichen oder politischen Tätigkeiten oder im künstlerischen Bereich einen Namen machen. Sie kann über sich selbst bestimmen, alleine reisen und wohnen. Sie ist auf kein familiäres Kollektiv angewiesen, das sie beschützt oder aber bevormundet und ihr einen festen Platz auf Erden zuweist. Sie kann sich für oder gegen Familie und Kinder entscheiden, mit all den resultierenden Vor-und Nachteilen. Sie kann experimentieren, um am Ende zu wissen, was sie durch ihre Entscheidungen allein bewirkt hat. Was fremdbestimmt war und was nicht, was sie bewusst entschieden hat oder nicht.

Am Ende eines langen freien Lebens kann die Frau im Westen eine Bilanz ziehen und erkennen, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet und ihren Preis hat und, dass vieles im Leben nicht immer frei entschieden werden konnte oder, dass man auch im Westen gesellschaftlichen Zwängen unterliegt.

Sie kann sich bei ihrer Geburt das gängige Schönheitsideal nicht aussuchen, doch sie kann hineinwachsen. Oder sie schafft es nicht, weil sie nicht dazu geschaffen wurde. Sie kann dann einfach einen anderen Weg und werden auf der nicht erotisch-sexuellen Seite der Gesellschaft erfolgreich sein oder aber sie geht in das Verderbnis der Verzweiflung eines schlechtes Selbstwertgefühls, wenn sie nicht so klug oder gebildet ist.

Diesem Wertlegen auf Äußerlichkeiten oder auf den gesellschaftlichen Erfolg liegt tiefer betrachtet der Wunsch zugrunde, geliebt, anerkannt und begehrt zu werden. Dieser Wunsch entspringt nicht selten einer unbewussten Verantwortung. Wie die des Mädchens, das Ärztin wird, um des Vaters ganzer Stolz zu sein oder aber sie ist so hübsch geworden, weil sie der schönen Mutter unbewusst Konkurrenz machte und die Aufmerksamkeit des Vaters ganz für sich haben wollte. Eines Vaters, der auf Äußerlichkeiten großen Wert legte – unbewusst natürlich.

Die unbewusste Beschränkung auf das Körperliche zeigt sich in unzähligen Kunstwerken alter Zeiten, wo wir ganz andere Frauenkörper sehen, die dem heutigen Schönheitsideal so gar nicht mehr entsprechen.  Es gab Zeiten, da hat man auf große Brüste keinen Wert gelegt. In der Antike und dem üppigen Barock, wurde die wohlbeleibte Weiblichkeit mit kleinem Busen, dicken Schenkeln und ausladenden Hüften dargestellt. Heute würde man derartige Frauenkörper kaum noch sehen. Man sieht immer mehr das, was begehrt ist. Und unbewusst mutiert der Frauenkörper in die Richtung, die dem anderen Geschlecht gefällt. Im Extremfall operiert Frau sich zur Barbie.
In der Welt des Islams hat die Frau bzw. haben Mädchen bereits von klein an nicht so viele Möglichkeiten im Leben zu experimentieren, sich in das Wagnis ungewohnter Lebensmuster zu stürzen. Für sie wird von Geburt an geregelt, was sich gehört und was nicht. Vor allem der Jungfrauenkult ist ein Hype und Wahn der Familienehre und die sexuelle Selbstbestimmung der Frau ist dem Orient ein Dorn im Auge. Das alles hat seine Gründe in einer tiefen Erfahrung kulturellen Untergangs und moralischen Zerfalls, der in grauer Urzeit stattgefunden hatte und dem Orient als Trauma noch immer tief in der Seele steckt.

Im modernen Westen können sich Frauen heute diesem Kult der Äußerlichkeiten entziehen. Ihnen steht die Waffe der Bildung und die Vielzahl an Alternativen zur Verfügung und vor allem die Freiheit, auch danach zu greifen.

Die Kulturen und Zivilisationen des Orients sind sehr viel älter als die der westlichen Welt. Die biblische Wortschöpfung “Sündenbabel” geht auf die uralten Zeiten mesopotamischer Hochkulturen zurück, dem alten Babylon, das schon 1000 Jahre früher über eine Hochkultur verfügte, als die alten Römer, von den Völkern des Nordens ganz zu schweigen.

In den alten mesopotamischen Hochkulturen der vor-islamischen Assyrer, Sumerer und Babylonier war die gesellschaftliche Sexualität freier. Frauen konnten allerdings, vor allem wenn sie Sklavinnen waren, wie Genussmittel behandelt werden. Andere konnten freizügig, sich ihren gesellschaftlichen Idealen entsprechend, öffentlich bewegen und kleiden. Im alten vor-islamischen Mekka konnten sie sogar oben ohne auf den Markt gehen, was ganz selbstverständlich war.

Da sich der Bahl- und Astarte-Kult auch als Fruchtbarkeitskult verstand, wurde Sexualität fast schon gefeiert und nahm orgiastische Exzesse an, wenn man diese mit den Augen einer monotheistischen Moral betrachtet, ganz gleich ob jüdisch, christlich oder islamisch. Die Antwort auf diese Exzesse waren immer die Moralansprüche monotheistischer Religionen, die auch gesellschaftliche Veränderungen mit sich brachten. Mit diesen moralischen Ansprüchen versprach sich die neue Gesellschaft mehr Stabilität und Gerechtigkeit, mehr Lenkbarkeit und soziale Ordnung, denn wo die Sexualität unkontrolliert fließt, kann sie Unordnung erzeugen, vor allem in einer Gesellschaft, die in diesem Bereich noch keine Verantwortung gelernt hat.

Um diese frei fließende sexuelle Energie zu binden, einzufangen und zu dämmen, zwang man die Frauen unter den Schleier. Sie waren die ersten Adressaten dieser verwirrenden Unordnung. Man verordnete ihnen eine neue Identität, die mit der Idee einhergeht, dass sie wohlgefällige Dienerinnen der neuen Gottheit sind, wenn sie ihre Fruchtbarkeit nicht mehr öffentlich propagieren würden, sondern fortan verstecken.

Dahinter steckt ein ursprünglich gerechter Gedanke, denn die Frauen wurden ganz wie heute in einer freien Gesellschaft auch nur auf ihr Äußerliches reduziert – auf Jugend, Schönheit und Reproproduktion. Die neue Moral wollte dies unterbinden und die Frau nur für einen einzigen Mann zugänglich machen, der sie hinter ihrer Hülle wahrnehmen darf. Dies sollte sie eigentlich befreien und beschützen, so wie es im Koran auch seinen Ausdruck findet. Es gab keine andere Alternative die vorherige sexuelle Ungezügeltheit zu bannen. Es darf nicht vergessen werden, dass Männer aller Gesellschaftsschichten so viele Frauen haben konnten, wie sie es wollten und es ihnen auch finanziell möglich war. Das erzeugte enorme Erbschaftsprobleme, Massen von ungewollten Kindern und Elend.

Damit nie wieder solch ein Trauma wie der Zerfall der altorientalischen Hochkulturen erlebt werden musste, fand man die Lösung dafür im Tragen des Schleiers und dem Wegsperren der Frauen. Der hysterische Jungfrauenkult ist solch ein paranoider Beweis dafür.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Demnächst können Sie den zweiten Teil “Wie erlangt die unsichtbare Frau Aufmerksamkeit?” lesen.

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