Ich erinnere mich noch an meine erste Kindergarten-Liebe. Sie war so schön, blond, blauäugig und hieß Helena. Unsere Liebe beschränkte sich damals auf das Spielen in der Sandkiste und dem “Händchen Halten” bei jedem Ausflug, weil wir ja in der Zweierreihe gehen mussten. Mit 4 Jahren wusste ich nichts über Religionen, Herkunft und das “Anders Sein”. Ich wusste damals nicht, dass sie Nicht-Muslimin war. Ich wusste nicht einmal, dass ich Muslim war.

Heute, 20 Jahre später weiß ich so einiges mehr oder zumindest glaube ich es zu wissen. Ich bin Muslim, eher traditionell-konservativ aufgezogen worden. Meine Eltern sind aus dem ehemaligen Jugoslawien und ich bin als kleines Kind Mitte der 90-er Jahre nach Österreich gekommen. Seit der ersten Kindergarten-Liebe habe ich viele andere hübsche, kluge und andersgläubige Mädchen und Frauen kennengelernt. Die Schule und die Universität bieten den perfekten Begegnungsort für das aufeinander Klaffen von verschiedenen Kulturen und Religionen. 20 Jahre später lernte ich wieder eine schöne Frau kennen. Blond, blauäugig. Sie saß mit mir in den Vorlesungen. Unsere Liebe entwickelte sich schnell und sie war auf mehr als nur das Spielen in der Sandkiste beschränkt. Jetzt wusste ich, was Religion, Herkunft und “Anders Sein” bedeutete. 20 Jahre später kannte ich die Bedeutung von Religion und den Unterschied zwischen mir und ihr.

Sie war Kufar und ich Moslem.

Es klingt so hart, fast so als würde ich sie durch diese Bezeichnung abwerten. Kufar bedeutet Ungläubige/r und bezeichnet einen Menschen, der nicht an Gott im Sinne des Islams glaubt. Sie war also Christin und das war der springende Punkt. Langsam aber sicher bewegte ich mich aus meiner Muslim-Zone in die Kufr-Zone mit allem Drum und Dran. Nicht nur, dass ich eine andersgläubige Freundin hatte und mit ihr Geschlechtsverkehr hatte, ich begann Alkohol zu trinken und völlig auf mein Gebet zu verzichten. Hier soll erwähnt sein, dass ich nicht wegen ihr diesen Weg einschlug, sondern vielmehr den Lebensstil meiner Studienkollegen und meiner Freunde zu leben versuchte. Dazu gehört eben auch das Beziehungsleben, Fortgehen, usw. All das genoss ich natürlich in Maßen. Doch die Sicht auf mein Leben änderte sich, weil ich mich selbst neu entdeckte. Ich verstand, was es heißt erwachsen zu werden, sich Problemen zu stellen, Entscheidungen zu treffen und am Ende auf sich alleine gestellt zu sein. Dabei ist man mit den Erwartungen der Familie, der Gesellschaft und den eigenen an sich selbst ständig konfrontiert.

Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich generell auf das Thema voreheliche Beziehungen im Islam und insbesondere auf Beziehungen zwischen MuslimInnen und Andersgläubigen eingehen. In einem Land aufzuwachsen, in dem es auch andere Religionen und Kulturen gibt außer der eigenen, bedeutet zwangsläufig auch, dass man als MuslimIn sicherlich Bekanntschaften macht, Freundschaften schließt und in manchen Fällen letztendlich auch Liebesbeziehung mit andersgläubigen Menschen eingeht. Hier erlaube ich mir eine Kategorisierung, um konkret auf die Thematik eingehen zu können. Während dieser Umstand für einen liberalen, nicht praktizierenden Muslim keineswegs ein Problem darstellt, würde dieser Umstand für einen strenggläubigen Muslim niemals Realität werden, weil er/sie aufgrund der eigenen Religiosität und Überzeugung eine voreheliche Beziehung nicht gutheißen würde und die Beziehung mit einem Menschen anderen Religionsbekenntnis als strenges Verbot einstufen würde. Diese beiden Kategorien betrifft diese Thematik also weniger. Dazwischen befindet sich die (schätzungsweise) größte Kategorie: traditionell-konservativ erzogene Muslime, die sich im Zuge des Erwachsenwerdens in einem stetigen Identitätskonflikt befinden. Identität steht hierbei für die Religiosität, die kulturelle Einbettung, Zugehörigkeit innerhalb der Gesellschaft, Wertvorstellungen und das Individuum selbst. Diese Kategorie umfasst primär Menschen, die in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem Tradition und Kultur hochgepriesen werden. Die Religion dient dabei häufig als Aushängeschild für die Werte und Regeln dieses Gebildes. Oft klammern sich gerade Familien, die aus einem stark kulturell-religiös geprägten Land stammen, an die Werte und Traditionen ihrer Kultur. Diese nehmen sie dann in das Land mit, in welches sie auswandern. Für Eltern ist es sehr einfach an der eigenen Kultur festzuhalten, während es für die Kinder, die in einem neuen Umfeld und in einer anderen Kultur aufwachsen und das „Andere“ kennenlernen, zu einer oftmals schwierigen Identitätsfindung kommt. Dabei befinden sich junge Individuen in einem Hin und Her zwischen Richtig und Falsch, dem Bekannten und dem Neuen, dem Abenteuer und dem Alltag. Wertvorstellungen werden hinterfragt, andere Sichtweisen als plausibel erkannt, die eigene Religiosität erlebt ein Auf und Ab, die Erwartungen des familiären Umfelds können nicht immer erfüllt werden, das Ich erkennt sich in vielen Identitäten wieder. Wer ist man und was möchte man eigentlich sein?

Die Ehe wird in vielen muslimischen Familien als mitunter wichtigstes Ereignis im Leben gesehen. Im Islam wird die Heirat sogar als Pflicht eingestuft, voreheliche Beziehungen sind verboten und von Beziehungen und Ehen mit Andersgläubigen ganz zu schweigen. (Für Männer besteht die Möglichkeit, eine Frau mit monotheistischem Glauben zu heiraten, jedoch ist diese Möglichkeit erst dann ratsam, wenn sich die Brautwahl für den Mann als sehr schwierig erweist. Frauen dürfen hingegen nur muslimische Männer heiraten.) Neben dem religiösen Aspekt, spielt der kulturelle Hintergrund eine maßgebende Rolle. Nicht nur, dass man heiraten muss, sondern wird dieses Ereignis seitens der Eltern oft forciert und die Wahl des Partners direkt oder auch indirekt vorgegeben. Eine andere Religion, Nation und Kultur als die eigene werden frühzeitig ausgeschlossen.

Und das Ich?
Es befindet sich inmitten all der Erwartungen, Vorgaben,  der Ge- und Verbote, der kulturellen und religiösen Pflichten und dem Gewissen, das hauptsächlich von anderen gesteuert wird. Wo bleibt die eigene Überzeugung, das Wissen um den Glauben und das Vertrauen in Gott, die ganz individuelle Einbettung in dem Umfeld, in dem man aufgewachsen ist und, in dem man dennoch immer begleitet wurde von der Tradition, der Kultur und der „Vorzeigereligion“ der Eltern? Oft sind Liebesbeziehungen mit einem/r Andersgläubigen der Auslöser für die Neuorientierung des Ichs. Diese Neuorientierung erfordert aber auch Mut und Bereitschaft im Sinne der eigenen Selbstfindung und des Erwachsenwerdens.

Share This