Bemerkenswert war, dass sich eine andere Schülerin auf eine Aussage des Propheten bezog und zu einer analogen Schlussfolgerung kam, dass der Prophet sogar das Zupfen der Augenbrauen als verboten erklärt hätte. Eine andere Schülerin erzählte von ihrer Cousine, die eine auffällig große Nase hatte und sich nie traute, ihr Gesicht im Spiegel zu betrachten und daher eine Operation hinter sich bringen musste, um sich mit ihr selbst zu „versöhnen“ und endlich sozial werden zu können.

Mir ist bewusst, dass das Thema „Gender” sehr vielfältig ist. In diesem Artikel möchte ich mich nur auf einen Unteraspekt der Genderthematik beziehen. Seit langer Zeit war es mein Anliegen über die Genderthematik im  islamischen Religionsunterricht zu schreiben. Ich wollte meine Gedanken zu bestimmten Aspekten der Thematik mit den Lesern teilen, auch wenn ich gewissermaßen eine distanzierte Haltung diesbezüglich habe. Um die Sache einfacher und schlüssiger darzustellen, möchte ich lieber mit dem Teil anfangen, der ohne „nein“ und „aber“  mitgelesen werden kann. Im Rahmen des europäischen Kontexts wurde in den letzten Jahren die Kategorie „Gender“ sehr intensiv diskutiert und dadurch wurde auch in feministischen Diskursen der Geschlechtsbegriff durch den Genderbegriff ersetzt. Durch die Akzentuierung des Genderbegriffes soll ein neutraler Zugang zu den biologischen Differenzen der Geschlechter ermöglicht werden, in dem auch die angenommene geschlechtsspezifische Denkstruktur kritisch betrachtet werden soll.

Gender beschreibt den sozialen Menschen, unabhängig von seinem Geschlecht, um die traditionellen Rollenbilder sowohl für den Mann als auch für die Frau aufzulösen. Der Gegenbegriff zu ‚Gender’ ist ‚Sex’, also das anatomische Geschlecht, das mit Gender nicht identisch sein muss.  In den letzten Jahren wurden wichtige Meilensteine und Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung im österreichischen Bildungswesen von Bundesministerium für Bildung gesetzt. Sukzessive Genderaspekte wurden in die Lehrpläne der verschiedenen Schulformen aufgenommen. In der Schulpraxis bemühen sich LehrerInnen unterschiedlichster Fächer gendersensibel zu unterrichten. Auch  zahlreiche Schulprojekte sind nun Teil des Schulprogramms. So haben Schülerinnen die Möglichkeit, sich bewusst mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Auch der islamische Religionsunterricht beinhaltet den Grundsatz der Geschlechtergerechtigkeit, die meines Erachtens als gendersensibles Unterrichten im Religionsunterricht verstanden werden soll. Nach diesem Grundsatz sollen die traditionellen Rollenzuschreibungen aus religiöser Perspektive thematisiert und konstruktiv kritisiert werden sowie die unterschiedlichen Bedürfnisse und Zugänge der jungen Frauen und Männer berücksichtigt werden. Gendersensibles Unterrichten soll unter anderem weibliche Schülerinnen im islamischen Religionsunterricht auf ihrem Weg der Emanzipation begleiten und ihnen auch vermitteln, dass die Emanzipationsideale einer muslimischen Frau, trotz Vorhandenseins stereotypischer Rollenzuschreibungen in den Primärquellen des Islams, keinerlei Widerspruch zu islamischen Werten darstellen müssen. Abgesehen von diesem Bildungsideal sollen alle muslimischen SchülerInnen auch mit dem Genderbegriff konfrontiert werden und auf gewisse religiös-traditionelle Rollenzuschreibungen aufmerksam gemacht werden. Losgelöst vom sozialen Geschlecht, das sich beispielsweise mit einer stereotypischen Zuschreibung bei der Frau als „die Sensible“ und beim Mann als „der Starke“ definieren lässt, haben muslimische SchülerInnen im islamischen Religionsunterricht die Möglichkeit, sich auf den „Menschen“ zu konzentrieren.

Nun folgt ein Erfahrungsbericht bzw. ein Denkanstoß von mir, dem wir uns künftig in der islamischen Religionspädagogik interdisziplinär (sowohl in der Lehre als auch in der Schulpraxis) widmen sollten.  Als Religionslehrerin tätig zu sein, bleibt für mich deshalb spannend, weil ich einerseits einige SchülerInnen bereits seit mehreren Jahren betreue und die Möglichkeit habe, mit ihnen effektiv und langfristig zu arbeiten. Andererseits gewinne ich jedes Jahr neue SchülerInnen dazu. Auch dieses Schuljahr übernahm ich eine neue Klasse aus einer Höheren Schule, in der die Schülerinnen (alle weiblich) über siebzehn Jahre alt sind. Nach einem kurzen Kennenlernen und einer Einführung in die inhaltlichen Schwerpunkte des Schuljahres hatten wir noch genug Zeit über den Sinn der Religion zu sprechen. Wir gelangen zum Thema Mensch und seine anatomischen Merkmale. Sehr oft kommt es vor, dass durch Folgefragen der Schülerinnen weitere Themen Gegenstand der Einheit werden. Auch in dieser Einheit befanden wir uns auf einmal in einer Diskussionsrunde mit folgender Fragestellung: Ist die Geschlechtsumwandlung im Islam erlaubt?

Obwohl diese Thematik angesprochen wurde, bemerkte ich, dass die Schülerinnen hinsichtlich dieser Thematik etwas zurückhaltend waren. Ich zählte Namen von bekannten Persönlichkeiten auf, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hatten und sich dieser Operation aus einem eigenen Bedürfnis heraus unterziehen ließen. Diese Personen sind durchaus mutige Menschen, weil sie sich in einer Gesellschaft bewegen, in der das „soziale Geschlecht“ sehr radikal verinnerlicht worden ist. Diese Personen setzten sich trotzdem für ihr Wohlbefinden ein und drohten durch ihre Entscheidung den sozialen Anschluss innerhalb der Gesellschaft zu verlieren. Ich versuchte diese Thematik mit dem Sinn der Religion zu verbinden und begründete meine Position damit, dass die Religion den Menschen in seinem Leben auf die beste Art und Weise, nach seinen Bedürfnissen begleiten möchte und nicht nur deshalb existiert, um dem Menschen das Leben zu erschweren.

Diese kleine Diskussionsrunde, die aufgrund der Pausenglocken nicht weiter geführt werden konnte, wurde die Woche darauf tatsächlich fortgesetzt. Die Stunde wurde mit einem Kommentar einer Schülerinnen bezüglich der Thematik eröffnet. Sie erzählte, dass sie sowohl mit ihren Familienangehörigen als auch mit einem Bekannten aus ihrem familiären Umfeld, der sich mit Religion besser auskennt, über die Thematik gesprochen hatte. Dieser Bekannte vermittelte ihr, dass eine Geschlechtsumwandlung im Islam verboten sei, da sich jeder Mensch dem göttlichen Willen zu unterwerfen habe und nicht über das Recht verfüge, an seinem Körper etwas zu ändern, weil der Körper durch Gottes Willen erschaffen wurde. Der Mensch muss sich laut dieser religiösen Anweisung selbst so akzeptieren, wie er erschaffen wurde, auch wenn ihm sein Körper „fremd“ ist. Ich musste diesbezüglich Stellung nehmen, da die Schülerin mit zwei unterschiedlichen Ansichten konfrontiert war und ich bei ihr eine Belastung verspürte.

In meiner Stellungnahme bezog ich mich darauf, dass jeder einzelne Mensch ein einzigartiges Individuum ist und keine homogenen, strikt religiösen Anweisungen aus Schubladen genommen und jedem Menschen serviert werden können. Ich bat um Stellungnahme anderer Schülerinnen. Bemerkenswert war, dass sich eine andere Schülerin auf eine Aussage des Propheten bezog und zu einer analogen Schlussfolgerung kam, dass der Prophet sogar das Zupfen der Augenbrauen als verboten erklärt hätte. Eine andere Schülerin erzählte von ihrer Cousine, die eine auffällig große Nase hatte und sich nie traute, ihr Gesicht im Spiegel zu betrachten und daher eine Operation hinter sich bringen musste, um sich mit ihr selbst zu „versöhnen“ und endlich sozial werden zu können. Auch durch dieses Fallbeispiel betonte ich, dass wir uns nicht in die Rolle dieser Personen hineinversetzen könnten, da wir mit unserem Körper zufrieden seien und eine Empathie in dieser Hinsicht notwendig, jedoch schwierig sei.
Diese Unterrichtssequenzen weisen meines Erachtens auf die Mühsamkeit und auf die Herausforderungen der islamischen Religionspädagogik in unserer Zeit hin. Wie schon erwähnt, sollen diese sowohl in der Lehre als auch in der Schulpraxis konsequent erarbeitet werden mit dem Vorwissen, dass die Schülerinnen mit homogenen religiösen Anweisungen konfrontiert sind, die meines Erachtens den religiösen Wandel im Leben junger Musliminnen verlangsamen.