Maida Causevic verfasst leidenschaftlich Texte, Gedichte, Geschichten und Kommentare inspiriert durch den Alltag, das Leben, die Religion, den Menschen und die Welt. Mit ihrem Blog “Erinnerungsspuren” möchte sie ihre “Mitmenschen dazu inspirieren, Neues zu erkunden.”

Neulich fragte mich ein Kollege, wie ich zu den Vorurteilen  über die Muslime stehe, die in den Medien bereits jahrelang präsent sind. Dabei merkte ich, dass er sich sehr gewählt und respektvoll ausdrückte, um mir ja nicht zu nahezutreten. Das hatte eine positive Wirkung auf mich, weil mir seine respektvolle und achtsame Art und Weise, so wie er mit mir sprach, zu verstehen gab, dass er wirklich meine Meinung hören wollte. Ich weiß noch, als er weiter fragte, wie sich allmählich mein Gesicht verzog – es wurde strenger. Währenddessen dachte ich mir in einem klitzekleinen Moment: „Bitte erwähne nicht den IS und mich in einem Atemzug!“ Aber wie es das Schicksal so wollte, geschah es doch und im Nachhinein dachte ich mir: „Welch‘ ein Glück!“

Ja, wie gehe ich eigentlich mit den Vorurteilen um?

Ob ich will oder nicht, der IS begleitet mich in meinem Alltag. Ob ich will oder nicht, die verschiedenen religiösen Auslegungen begleiten mich im Alltag und haben einen großen Einfluss auf mein Leben. Oftmals werde ich von so vielen Menschen befragt, was ich wie und warum denke und, wie der Islam dazu stehe. Sowohl in der Arbeit als auch in der Schule meiner Kinder. Eigentlich könnte ich eine 24h-Hotline starten, damit ich nur noch Islamlehrerin per Medienwelt bin, denn nichts, aber auch nichts ist der größte Feind des Menschen, als die Unwissenheit selbst. Aufklärung hilft präventiv, aber auch im Nachhinein bestehende Vorurteile aufzulösen. Es ist manchmal ziemlich mühsam, aber dennoch notwendig.

Nun muss man sich alltäglich mit Fragen auseinandersetzen, die man überhaupt nicht möchte. Ich, zum Beispiel, gar nicht: Der IS und mich in einem Atemzug zu erwähnen hat etwas Abartiges. Es ist, als würde mich jemand mit einem Schwerverbrecher vergleichen wollen. Dass ich überhaupt mit dem IS assoziiert werde, finde ich auch spannend, manchmal sogar amüsant!

Wieso vergleicht mich denn keiner mit Rumi? Ich finde, der passt viel besser zu mir – mit Rumi kann ich mich auch viel eher identifizieren.

Der IS ist nun mal präsenter, auch wenn er jeder Aufmerksamkeit unwürdig ist. Einige Prediger schreien in YouTube-Clips, sodass mir ganz schwindelig im Kopf wird, aber auch mit ihnen muss ich mich auseinandersetzen, denn ich kann ganz klar sagen: “Die gehören nicht zu mir!“ Aber jetzt ganz im Ernst, nur weil mir jemand nicht gefällt, heißt das ja noch lange nicht, dass er kein Teil einer Community ist. Denn, mal bei Seite geschoben , dass der IS nicht im Sinne des Islams agiert, dennoch seine Taten mit Argumenten begründet, die im Islam zu finden sind. Und, jetzt stehe ich da und muss mich mit dieser Ideologie auseinandersetzen und von daher bin ich, ob ich es will oder nicht, ein Teil des Problems, aber auch ein Teil der Lösung. Aber um ein konstruktiver Teil der Lösung sein zu können, braucht der Mensch viel mehr als nur abgespeichertes Wissen, das er von verschiedenen Quellen bezieht. Er braucht ein Wissen um den Menschen, um seine Psyche und, wie diese zusammengesetzt ist. Erst dann, wenn wir uns mit dem Menschen auseinandersetzen und nicht nur mit theoretischen Begrifflichkeiten herumhantieren, werden wir der Wahrheit und somit der Lösung immer näherkommen. Man wird sich dann auch gewahr werden, dass man für vieles nicht verantwortlich ist und demnach auch niemandem eine Antwort schuldig ist.

„Nur wenn dein Wissen von dir selber sich befreit, ist dein Erkennen besser als Unwissenheit.“ (Rumi)

Wissen ist Macht – je mehr ein Mensch weiß, desto eher ist er sich bewusst, dass er von vielen Dingen absolut keine Ahnung  hat und dieses Wissen spornt einen Menschen an, weiterhin Wissen zu erlangen. Denn, wer Wissen über verschiedene Dinge hat, ist nicht so leicht manipulierbar. Er handelt im Leben bewusst und authentisch, was auch zur Folge hat, das man Fehler begeht, aber auch viel Wundervolles vollbringen kann.

Gib einem Menschen Macht und du wirst wissen, wie er wirklich ist. Beobachte ihn was er tut und dann wirst du wissen, wie sein Geist zusammengesetzt ist. Vor allem beobachte ihn, wie er mit Menschen umgeht, die weniger Wissen haben, als er selbst. Beobachte, ob er die Unwissenheit seiner Gefolgschaft schamlos ausnutzt oder, ob er sie anspornt mehr Wissen zu erlangen, als er selbst.

Nur jemand, der sich seiner Macht bewusst ist und ethische Prinzipien verinnerlicht hat uns sie tatsächlich auslebt, hat keine Angst vor der Argumentation seines Gegenübers. Ganz im Gegenteil – er ist beglückt, dass es Menschen gibt, die sich nach vorwärts bewegen, denn dieses Vorwärtskommen ist ein Geschenk für die ganze Gemeinschaft. Er spürt den Frieden in sich und kann in Ruhe handeln.

Nur wer Angst hat, dass seine Macht minder wird, wird alles daran setzten, seinen selbsternannten Platz nicht herzugeben – mit allen Mitteln, die der verkümmerte und verdorbene Geist zu bieten hat. Solch ein Mensch spürt den inneren Unfrieden in sich und kann nur in der Unruhe handeln, denn die Ruhe würde ihn um den Verstand bringen.

Oft habe ich von MuslimInnen gehört, dass wir alles tun sollten, um in der Mehrheitsgesellschaft nicht aufzufallen. Wir sollen quasi gleich sein. Ja, gleich, aber wie gleich? Bedeutet “gleich”, dass ich gleich denken muss, dass ich mich gleich kleiden muss? Wie wäre es, wenn wir stattdessen sagen würden, dass wir „gleichwürdig“ sind und, dass jeder von uns in seinen Bedürfnissen und Wünschen ernst genommen werden muss?

Als Muslimin habe ich ein großes Bedürfnis danach, mein Kopftuch in Ruhe zu tragen, ohne etliche Male erklären zu müssen, dass es aus freiwilligen Stücken passiert und, dass meine Lebensgestaltung in meiner Selbstverantwortung und in MEINER Macht liegt. Als gleichwürdiger Mensch brauche und will ich dafür keine Erlaubnis, denn das würde bedeuten, dass ich nicht als Mensch gesehen werde. Ich werde in so einem Fall durch die Lupe einer Religion gesehen, aber wo komme ICH da vor?

Vor allem wir, die in der Schule tätig sind, sollten so sein wie die anderen Lehrer. Doch so sehr ich das manches Mal bedauere, funktioniert das schlichtweg nicht immer. Sobald ich an eine Schule komme, wo keiner meiner KollegInnen außer mir ein Kopftuch trägt, bin ich per se exotisch. Ich löse so viel aus. Religion löst viel aus – ich bin nur das Medium.

Einmal sagte ich zu einer Kollegin: „Ich brauche mich nur in einen Raum zu stellen und schon löse ich tausende Reaktionen aus, ohne dabei jegliche Aktion davor gesetzt zu haben – nicht einmal meinen Mund muss ich aufmachen! Manchmal muss ich nur lang genug geduldig sein, damit die erste Frage in Bezug auf meine Religion kommt – ich weiß immer, dass sie kommen, die Fragen!“

Ich merke immer, dass in einigen Köpfen tausend Fragezeichen schwirren, aber es wird oft geschwiegen. Manchmal aus Respekt, manchmal aus Angst, aber (fast) immer aus Unwissenheit. Und wenn ich dann meinen Mund aufmache, dann ändert sich was in deren Köpfen.

Die Einen merken, dass wir doch nicht so verschieden sind, denn wir teilen dieselben Wertvorstellungen in Bezug auf das Leben und Zusammenleben mit unseren Mitmenschen. Die Anderen sind enttäuscht, weil ihre Ängste nicht weiter “gefüttert” werden. Am liebsten wäre es ihnen, wenn man ihre Vorurteile zubetonieren würde, sodass sie ihre eigene Unzufriedenheit nicht spüren müssten.

Unzufriedenheit ist ein schweres Übel, denn sie bringt den Menschen dazu schwerste Ungerechtigkeiten an den Tag zu legen. Gleichzeitig hindert es ihn, in sich zu schauen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Wer zu sich selbst nicht ehrlich sein kann, kann anderen gegenüber nicht aufrichtig sein, ganz gleich, wie oft dieser es beschwören mag.

Es existieren bereits viele Drehbücher für mich als Muslimin und sehr oft muss ich Filmrollen bewusst ablehnen. Manche Rollen gefallen mir, aber die Gage passt nicht. Und ab da fängt meine Selbstverantwortung an, denn ich als Mensch bestimme in welchem Film, unter welchen Rahmenbedingungen und für welche Gage ich spiele. Und, wenn mir gar kein Film gefällt, schreibe ich mein eigenes Drehbuch und übernehme die vollste Verantwortung für das, was ich da drehe.

Ich bin vollkommen anders, zumindest äußerlich, ob ich es nun will oder nicht. Aber nicht anders, als viele andere, die ich kenne. Alle sind sie anders, anders in ihren Gedanken, ihren Träumen und Visionen. Nichts liegt mir als Person ferner, als wegen meiner äußeren Erscheinung aufzufallen. Tatsache ist aber, dass ich durch meine Religionsausübung auffalle. Viel eher liegt mein Augenmerk darin, mit meinen Inhalten aufzufallen – um aufzuzeigen, dass es Menschen gibt, mit ganz anderen Denkmustern, aber mit einer gemeinsamen Botschaft, die da lautet: Wir gehören zusammen, wir sehen äußerlich zwar grundverschieden aus, aber innerlich um keinen Deut. Wir respektieren einander und wollen von einander lernen. Wir wollen zusammen wachsen, fallen, lachen, singen, weinen und uns ärgern…aber vor allem wollen wir für einander da sein: einfach so und nur so.

Manchmal kommt es mir vor, als wären alle Ruminas & Rumis dieser Welt irgendwo im Nirgendwo. Aber immer wieder finde ich sie im Alltag. Ganz unscheinbar leben sie ihr Leben, ohne sich etwas zu Schulden kommen zu lassen. Sie brauchen kein “Tamtam” um aufzufallen. Sie wollen durch ihre edlen Handlungen auffallen. Und sie fallen auf – besonders den Menschen, die verstehen und, die den ganzen Medienzirkus durchblicken. Sie fallen den Menschen auf, die offen und achtsam durch die Welt gehen und sich vom “Tamtam” nicht beeindrucken lassen. Sie suchen nach gemeinsamen Wegen und gemeinsamen Lösungen, weil sie verstanden haben, dass es nichts Unmenschlicheres gibt, als Unrecht zu tun.

Umm Salama (r) überliefert, dass der Gesandte Allahs (s) beim Verlassen des Hauses zu sagen pflegte:
”Im Namen Allahs! Auf Allah vertraue ich: Oh Allah, ich nehme Zuflucht bei Dir davor, mich zu verirren oder in die Irre geführt zu werden, einen Fehler zu begehen oder zu Fehlern verleitet zu werden, jemandem Unrecht zuzufügen oder Unrecht zugefügt zu bekommen, mich töricht zu benehmen oder töricht behandelt zu werden.” (Abu Dawud, At-Tirmidhi und andere)