Islamische Ulama kennen den Grund der Krise, aber nicht den Weg aus der Krise.
Judenhass verhindert in der arabischen Welt, sich eigentlichen Herausforderungen zu stellen.
Junge Ulama (Gelehrte) brauchen Impulse aus dem Westen.

Im Zuge meiner Teilnahme an der Einladung des ägyptischen Dār al-Iftā’ al-Miṣriyyah (Ägyptisches Fatwa-Amt) haben zahlreiche Muftis aus muslimischen Ländern darüber diskutiert, wie sie den Fatwa-Bedarf vor allem in europäischen Ländern abdecken können, damit sie sich besser vor Dekadenz und Islamophobie innerhalb Europas schützen können.

Leider waren fast alle Vertreter aus den muslimischen Ländern von einer breiten Frustration und Hoffnungslosigkeit betroffen. Sie kennen keinen Ausweg aus der Krise, in der sich ihre eigenen Länder zurzeit befinden. Auch wenn sie keinen Ausweg haben, wurde mir im Gespräch mit ihnen sehr schnell klar, dass sie allesamt die wahren Hintergründe dieser Krise kennen.

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Ein Geschäft in einer Einkaufsstraße Kairos.

Der Glaubensabfall der Muslime weltweit stand vordergründig als Auslöser aller Miseren, sowie das Liebäugeln mit dem Westen als auch die Machenschaften Israels. Dazu kommen sicherlich noch der wachsende Nationalismus und Antijudaismus in diesen Ländern.

Ägypten selbst befindet sich zwar ökonomisch und politisch in einer tiefen Krise, die überwiegend junge Menschen aus dem Land treibt, versucht sich nun aber zwischen Säkularismus und religiösen Fanatismus zu orientieren. Obwohl sich die Regierung als „Sieger“ über eine extrem politisch orientierte Gruppe, der Muslimbruderschaft erklärt, kann sie wiederum auf die Rolle der Religion in der Gesellschaft überhaupt nicht verzichten. Das bedeutet, dass eine politische Richtung im Islam durch eine andere religiöse Orientierung ersetzt wird.

Das gleiche Problem ist uns auch aus der Türkei bekannt. Erdogan versucht die religiöse Gülen-Bewegung durch eine andere antidemokratisch religiöse Sekte zu ersetzen.

Aus dieser Beobachtung können wir einige Erkenntnisse ableiten, aber im Speziellen sei ein wichtiger Punkt zu erwähnen: Es scheint eine Tatsache zu sein, dass die Muslime immer noch nicht in der Lage sind, die Stellung der Religion in der Gesellschaft zu definieren. Die ständigen Forderungen, dass Muslime die westlichen Modelle tunlichst nicht übernehmen sollten, sind leider kein Zeichen dafür, welche fruchtbaren Alternativen die Muslime nun zu zeigen hätten, geschweige denn umzusetzen hätten.

Alternativen wie die Muslimbruderschaft, Milli Görüs oder die Islamische Gemeinschaft in Pakistan sind Bewegungen, die in ihrem eigenen Hass und Traditionalismus verkommen und völlig gescheitert sind. Denn die einzigen Bewegungen, denen eine hohe Dynamik und Überzeugungskraft zukommt, sind die salafistischen Bewegungen in den islamischen Ländern, die die Deutungshoheit des Islams in ihrer Hand halten und junge Menschen entscheidend mobilisieren können.

Ohne überheblich zu sein, behaupte nicht nur ich, dass gerade dieses abgelehnte Europa die letzte Chance der Muslime ist, diese Religion ohne traditionelle Zwänge mit tiefgreifenden Reformen aus der Krise zu holen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass die erwähnten Organisationen ihre aus ihren Kernländern stammenden Niederlagen dann in Europa zu rehabilitieren versuchen würden. Es wäre eine Falle für Muslime, wenn sie sich auch hier in dieses Abenteuer einlassen würden. Diese Gefahr besteht leider sehr deutlich.

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