Erst vor kurzem hat mir eine liebe Freundin erzählt, dass sie „Kinderbriefe“ von ihren mittlerweile jungen erwachsenen Kindern durchgelesen hat. Ihre Kinder haben bereits einiges vergessen und finden vieles peinlich, was sie damals verfasst haben. Es kann schon vorkommen, dass man selbstgeschriebene Zeilen eines Tages voll peinlich und lächerlich findet, aber jetzt gerade in diesem Moment sind sie es nicht, weil sie jetzt gerade wichtig sind und, weil man sich jetzt gerade darüber Gedanken macht. Es besteht jedoch eine innere Distanz zu dem, was man einmal verfasst hat und zu dem, was man heute verfasst. Ibn Rushd, ein muslimischer Philosoph, meinte auch hierzu, dass der Mensch im „Hier“ und „Jetzt“ leben und sich darüber Gedanken machen sollte, was er seiner nachfolgenden Generation an Inhalten hinterlassen möchte, damit sie diese weiterentwickeln können.

Eine Schülerin fragte mich einmal, ob Gott uns verzeiht, wenn man eine gewisse Zeit keinen Kontakt zu Ihm haben möchte. Eine andere Schülerin meinte, dass sie einen Freund habe, der vor dem Tod seiner Mutter sehr gläubig war und es nach diesem Ereignis nicht nachvollziehen konnte, warum ihm Gott seine Mutter weggenommen hat, wenn er sie doch viel mehr brauche, als Er.
„Was ist das für ein egoistischer Gott?“, fragte er sich. Seit dem Tod seiner Mutter will er mit Gott nichts zu tun haben, weil die Wut über den Verlust und die Traurigkeit darüber jemanden verloren zu haben, den man so sehr geliebt hat, zu groß ist. Natürlich müssen wir uns mit den Lebenswirklichkeiten unserer SchülerInnen beschäftigen, wenn wir sie als ReligionslehrerInnen aufrichtig und religiös begleiten wollen.

Es entstand eine rege Diskussion in der Klasse und ich wollte nicht sofort mit meiner Meinung etwas Lebendiges zerstören, denn eine Diskussion kann zu einer toten und unfruchtbaren werden, wenn man Gedanken von seinen Mitmenschen nicht zum Ausdruck bringen lässt. Deshalb ist es wichtig, alle Gedanken zu einem bestimmten Thema einfließen zu lassen, um gemeinsam zu sehen, was sich daraus entwickelt. So bildet sich für jeden einzelnen auch die ganz persönliche Meinung zu diesem bestimmten Thema heraus.

In den letzten Tage habe ich über den biographischen Bezug in der Religionspädagogik gelernt. Eigentlich habe ich diesen Begriff bereits von meinem Bruder gehört, da er im AKH arbeitet und bei jedem Patienten die Biographie berücksichtigen muss, damit er auch tatsächlich professionelle Hilfe leisten kann.

Das Leben von uns allen verläuft ja nicht linear und es gibt bestimmte Phasen im Leben, in denen man mit Gott nichts zu tun haben will, möchte bzw. kann. Man ist dann zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass man noch eine „zusätzliche“ Beziehung zu Gott pflegen möchte. Ob es da Gott verzeiht, dass man sich eine „Auszeit“ von Ihm nimmt? Davon bin ich überzeugt, sonst wäre er nicht “allverzeihend”, “barmherzig” und  „allwissend“, denn wie soll ich als Mensch eine aufrichtige und innige Beziehung zu Gott führen können, wenn ich mit vielen Dingen „eingedeckt“ bin, die mich gerade „jetzt“ beschäftigen. Auch wenn man von außen heraus keine „sichtbaren“ (religiösen Normen) zeigt, weiß man als Außenstehender dennoch nie ganz, was im Inneren eines Menschen vor sich geht.

Kinder wollen in ihrer Ganzheit von ihren Eltern angenommen und geliebt werden. Sie haben das große Bedürfnis nach Verbindung und Nähe. In den ersten Jahren ihres Lebens empfinden sie Gott sehr intensiv und nahe. Dann, irgendwann, in der Pubertät wird dieses Bedürfnis nach Nähe und Verbindung entweder abgeschwächter oder intensiver. Man muss verstehen, dass das ein ganz normaler entwicklungspsychologischer Weg ist, den jeder Mensch irgendwann einmal in seinem Leben durchläuft. Dabei wendet sich der eine in dieser Phase intensiv Gott zu während der andere gerade keine Lust auf Gott hat .

Schwierig wird es, wenn ein bestimmtes Umfeld auf diese ganz sensible und natürliche Phase grob und fast schon gewalttätig versucht einzugreifen. Jemandem zu sagen, dass es eine große Sünde sei, von Gott keine Notiz nehmen zu wollen, ist fast schon ein Verbrechen. Es führt dazu, dass wir zwar vermeintlich “gläubige” Menschen unter uns haben, diese jedoch nicht in der Lage sind, sich mit all diesen religiös-normativen Worten zu identifizieren und die Religion und Gott zwangsläufig als unerträgliche Last sehen, mit der sie sich in Zukunft nicht auseinandersetzen wollen. So erlaube ich mir zu fragen: Wollen wir wirklich derartige Gedanken in unseren Kindern und Mitmenschen produzieren?

Die Religion und die Beziehung zu Gott sollte im Idealfall eine Bereicherung im Leben eines gläubigen Menschen darstellen. Sie soll ihn dazu bewegen, sein ganzes Potenzial zu erforschen und dieses selbstbewusst nach außen zu tragen. Dazu benötigen wir jedoch unbedingt Menschen, die uns im Leben begleiten und als Unterstützung dienen, mündig und selbstverantwortlich Positionen zu religiösen Themen entwickeln zu können.

Um eine Beziehung zu Gott (weiter)entwickeln zu können, muss auch die Beziehung zu den Menschen stimmen. Als soziale Wesen brauchen wir den Austausch mit unseren Mitmenschen genauso wie auch mit Gott. Gott alleine genügt nicht. Ich bin fest davon  überzeugt: Sobald wir uns von unserer Gemeinschaft getragen und verstanden fühlen, können wir viel ehrlicher und authentischer unsere Religion ausüben und vertiefen.

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