“Eine Debatte über die Stellung der Religionen in Österreich ja, aber wir sollten die Debatte nicht am Kopftuch festmachen.”
Soll man das Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten? “Nein!”
Was sagen Sie MuslimInnen? “Nehmt die Debatte als Anlass, auch über unsere Bringschuld gegenüber einer gut funktionierenden pluralistischen Gesellschaft nachzudenken.”

CEAI interviewte Prof. Ednan Aslan über die wieder aufgeflammte Debatte über ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst:

Herr Aslan, ihr Kollege Herr Faßmann möchte das Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten? Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Aslan: Nicht gesprochen, aber geschrieben. Ich glaube, Herr Faßmann möchte über die Stellung der Religionen im öffentlichen Dienst sprechen. Er möchte auf die zunehmend ethische und religiöse Pluralität in unserer Gesellschaft hinweisen. Er vertritt die Position, dass die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sich weltanschaulich, ideologisch und religiös neutral verhalten sollten, um diese Pluralität schützen zu können. Weil ihm auch als Forscher bewusst ist, dass uns diese Fragen in Zukunft stärker beschäftigen werden.

Aber er möchte doch konkret das Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten? [Link]

Aslan: So verstehe ich ihn nicht. Er meint, wenn das Kopftuch als eine ideologische und politische Botschaft getragen wird, dann sollten wir unsere Kinder in den öffentlichen Schulen davor schützen. Dagegen sollte man nichts haben, sondern noch ergänzen, dass wir das auch in den Privatschulen und Kindergärten nicht wollen.

Er verneint eindeutig das Tragen des Kopftuches in den Schulen, aber das Kreuz nicht.

Aslan: Herr Faßmann möchte eine Säkularitätsdebatte in den öffentlichen Einrichtungen anstoßen und wirft eine berechtigte Frage auf, die sich damit beschäftigt „wie viel Religion eine säkulare Gesellschaft verkraften kann“? Dagegen habe ich nichts, dass wir darüber sprechen. Aber das Kopftuch ins Zentrum dieser Debatte zu rücken, ist keine gute Überlegung, weil nämlich gerade das Kopftuch ein Hindernis für diese Debatte sein könnte.

Warum sollte das Kopftuch ein Hindernis sein?

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Prof. Ednan Aslan (Institut für Islamische Studien) – https://iis.univie.ac.at/

Aslan: Weil wir dadurch neue Fronten bilden und die bestehenden Fronten stärken. Die muslimische Frau wird weltweit seit über einem Jahrtausend von gewohnheitsmäßigen Verboten und Geboten zerrissen. Nach den getätigten Aussagen von Herrn Faßmann und Herrn Kurz sehen wir, dass die Front des politischen Islams diese Angelegenheit nicht als Chance für eine offene Debatte, sondern als Krieg gegen den Islam oder als Zeichen der Islamophobie betrachtet.

Wie soll man dann vorgehen?

Aslan: Wir sollten die Debatte nicht am Kopftuch festmachen. Ich betrachte nicht das religiös getragene Kopftuch als Hindernis für eine gelungene Integration, aber sehr wohl, wenn eine politisch-religiöse oder ideologische Haltung, die sehr offen und provokativ auftritt, von Integration spricht, jedoch eigentlich die Grundlagen einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft bekämpft.

Nicht also das leidige Kopftuch! Womit sollte man dann anfangen?

Aslan: Wir können nicht sagen, dass das Kreuz historisch gewachsen sei, aber andere religiöse Symbole nicht. Wenn wir das so sagen, dann haben wir die Tradition der Aufklärung nicht verstanden. Wollen wir über die Stellung der Religionen im öffentlichen Dienst sprechen? Wenn ja, dann können wir die Religionen nicht gegeneinander ausspielen. Das wäre keine gute Grundlage für eine funktionierende Pluralität in unserer Gesellschaft, und ehrlicherweise müssten wir dann auch über Religionsunterricht, Schulbücher, Kirchensteuer, Kreuz, Stellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften in den Schulen, inklusive staatlich geförderter konfessioneller Schulen usw., auch sprechen. Ansonst wären wir unglaubwürdig.

Sehen Sie die Bereitschaft, dass muslimische Gemeinden in der Lage sind, in dieser Debatte mitzuwirken?

Aslan: Leider sind wir Muslime mit unseren gegenwärtigen Strukturen nicht in der Lage diese Debatte sachlich zu führen. Wir sehen solche Debatten immer als Angriff gegen die Muslime. Das stimmt so nicht. Die Kirche im Westen, generell die Religion als solches, musste auch solche Debatten über sich ergehen lassen. Die Kirche wäre nicht die Kirche von heute ohne diese Debatten. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Muslime in ihren Herkunftsländern solche offenen Debatten nicht kennen und den Begriff “Säkularität” immer wieder als Gottlosigkeit auffassen. Uns wird die Frage jedoch nicht erspart bleiben, darüber zu sprechen: „Wie viel Islam können wir dieser Gesellschaft zumuten?“

Zurück zum Kopftuch, ein gewisser Politiker möchte mit dem Integrationsministerium “Tacheles sprechen“!

Aslan: Solche Politiker betrachten diese Spannungen als Chance, um davon zu profitieren. Nicht nur solche Politiker, sondern auch viele Funktionäre des politischen Islams in Österreich. Ich glaube nicht, dass sie das Kopftuch oder die religiöse Lebensweise der Muslime schützen wollen. Das ist nicht der Fall, sie wollen nur die Religion für ihre ideologischen Ziele instrumentalisieren, und dafür musste man gerade Frauen mit Kopftuch schützen, damit sie nicht in die ideologische Falle geraten und sich zwischen den Fronten zerreiben lassen.

Soll man das Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten?

Aslan: Ich würde klar sagen: Nein!  Es sei denn, dass wirklich dieses Kopftuch provokativ als Fahne einer bestimmten Ideologie getragen wird. Doch auch in diesem Fall würde ich mich mehr mit der Ideologie beschäftigen als mit dem Kopftuch.

Hier wird gesagt, dass das Kopftuch die Integration verhindere!

Aslan: Das ist eine zu knappe Auffassung von Integration. Integration ist keine äußerliche Anpassung, sondern eine innere Überzeugung. Eine plurale Gesellschaft kann nur von den Menschen getragen werden, die in der Lage sind, diese Gesellschaft mit innerer Überzeugung zu verantworten.

Abschließend möchten wir Sie fragen, was Sie der islamischen Glaubensgemeinschaft und den MuslimInnen empfehlen würden?

Aslan: Dass es dringend notwendig ist, diese Debatte nicht als ideologischen Angriff zu verstehen, sondern diese Debatte als Anlass zu nehmen, nicht nur über unsere Ansprüche, sondern auch über unsere Bringschuld gegenüber einer gut funktionierenden pluralistischen Gesellschaft nachzudenken.

Herzlichen Dank für das Interview!