Bei allen analysierten Eheschließungen waren die Väter muslimisch, die Mütter christlich. Es macht dennoch Sinn, die Forschungsergebnisse nochmals in Erinnerung zu rufen, da meine Erfahrungen im Schulalltag weiterhin diese Ergebnisse bestätigen.

 

Dieser Beitrag widmet sich den SchülerInnen muslimisch-christlicher Eltern, da dieser Gruppe meiner Meinung nach nur wenig Aufmerksamkeit in der Gegenwart geschenkt wird. Dies, obwohl sich gerade unser postmodernes Zeitalter mit der Pluralisierung der Lebenswelten, Auflösung alter sozialer Ungleichheiten in neuen vielfältigen Milieus, Lebensweisen und Subkulturen und mit einer starken Individualisierung von Biographie-Mustern in Europas Gesellschaften auszeichnet. Dazu fällt auch die steigende Präsenz von muslimisch-christlichen Partnerschaften und die starke Präsenz von Kindern dieser Partnerschaften im Lebensraum Schule. Im Folgenden möchte ich über meine aktuellen Erfahrungen aus dem Schulraum berichten, um die Komplexität dieser Thematik besser veranschaulichen zu können.

Sule Dursun promovierte im Fachgebiet Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien und ist seit vielen Jahren als Religionslehrerin tätig.

Vor ein paar Wochen kam ein muslimischer Vater zu meiner Sprechstunde und bat mich, seinen Sohn mit mehr islamisch-theologischem Wissen auszustatten, da seine Mutter eine christliche Religionszugehörigkeit habe. Ebenfalls erzählte er, dass seine Ehefrau eine überzeugte Christin sei und er sich als Vater Sorgen mache, dass sein Sohn nicht genug islamisches Wissen besäße. In dem Gespräch schilderte der Vater mehr oder weniger das Spannungsverhältnis zwischen ihm und seiner Frau aufgrund unterschiedlicher Religionszugehörigkeiten. Ebenfalls möchte ich von einer Schülerin aus einer Oberstufenklasse aus dem letzten Schuljahr berichten, die kein Religionsbekenntnis hatte und ihre Eltern muslimisch-christlich waren. Sie wollte ohne Verständigung ihrer Mutter den islamischen Religionsunterricht besuchen, da ihre christliche Mutter mit ihrer Teilnahme im islamischen Religionsunterricht nicht einverstanden war. Die Schülerin wollte sich auch nicht anmelden, sondern lediglich im Unterricht teilnehmen. Da ich von der familiären Sachlage informiert war, holte ich die Einwilligung von Klassenvorstand und Direktion. Erst nach dem Einverständnis der Schulleitung gestatte ich ihr die Teilnahme zum islamischen Religionsunterricht. Sehr eindeutig kam heraus, dass diese Schülerin ihren Wunsch zur Teilnahme nicht aufgeben und sich durch ihr Schweigen Konflikte mit ihrer Mutter ersparen wollte. Als Lehrkräfte war uns bewusst, dass zu Hause Religion ein Tabuthema war.

Die Betroffenheit als islamische Religionslehrerin veranlasste mich schon im Jahr 2011, im Rahmen meiner Masterarbeit [1], mich ausführlich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, weshalb ich in diesem Beitrag abstrakt einige Forschungsergebnisse meiner qualitativ empirischen Studie in Erinnerung rufen möchte, um die Adressaten, insbesondere Forschende und Lehrende, zu einem interreligiösen Diskurs einzuladen.

 

Die SchülerInnen sollen zum interreligiösen Lernen befähigt werden, um die unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten im familiären Umfeld nicht als Bedrohung oder Belastung sondern als Inspiration für den eigenen Glauben wahrzunehmen.

 

Ziel meiner qualitativ-empirischen Studie war zu untersuchen, wie 10 bis 15 Jährige mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten ihrer Eltern umgehen. Andererseits befasste ich mich damit, ob die Identifikation des Schülers mit einer einzigen Religionsrichtung positive oder negative Einflüsse auf familiäre Beziehungen mit sich bringen könnte. Diese Frage kristallisierte sich daraus, da ich sehr viele muslimische SchülerInnen mit christlichen Müttern im islamischen Religionsunterricht erlebte, und sich daher zu dieser Forschungsfrage ein persönliches Interesse entwickelte.  Zur Durchführung der Interviews waren drei muslimisch-christliche Ehepaare und eine alleinstehende christliche Mutter bereit. Die Gespräche fanden mit den Elternteilen teils separat, teils zusammen statt. Auch mit den Kindern durfte ich Gespräche führen. Bei allen Eheschließungen waren die Väter muslimisch, die Mütter christlich. Die gewonnenen Forschungsergebnisse hatten auch zum Zeitpunkt der Analyse der qualitativ empirischen Erhebung  keine Allgemeingültigkeit. Allerdings macht es dennoch Sinn, die Forschungsergebnisse nochmals in Erinnerung zu rufen, da meine Erfahrungen im Schulalltag weiterhin diese Ergebnisse bestätigen.

Das Hauptforschungsergebnis der geführten Interviewgespräche war, dass das Vorhandensein verschiedener Glaubenszugehörigkeiten in der Familie zu latenten Konflikten zwischen den Elternteilen und den Kindern führte. Ebenfalls kam heraus, dass sich durch das Vorhandensein verschiedener kultureller Wertvorstellungen, und nicht nur verschiedene Religionszugehörigkeiten, ein Spannungsfeld zwischen den Eltern hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder ergibt. Ebenso konnte man bei den Kindern eine Orientierungslosigkeit aufgrund unterschiedlicher Wertevorstellungen der muslimisch-christlichen Elternteile beobachten. Im Rahmen der Analyse des Interviewmaterials kam ebenfalls heraus, dass die muslimischen Väter in religiösen Belangen ihrer Ehefrauen Hoffnung auf Bekehrung haben und sich dadurch das Verschwinden von Konflikten aufgrund unterschiedlicher Wertevorstellungen erhofften.

Was die rechtliche Situation der Religionszugehörigkeit der Kinder in Österreich anbelangt,  dürfen die Eltern über das Religionsbekenntnis ihrer Kinder entscheiden. Bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres steht es den Eltern völlig frei, das Kind religiös oder ohne Religionsbekenntnis aufwachsen zu lassen. Das Resultat ist, dass die Eltern bis zur Vollendung des vierzehnten Lebensjahres ihrer Kinder sich in Bezug auf die Religionszugehörigkeit einigen müssen oder ihre Kinder ohne Religionsbekenntnis einschreiben dürfen.

Der konfessionelle Religionsunterricht ist gut und wichtig. Das Modell des Religionsunterrichts in Österreich ist einzigartig und spiegelt die Anerkennung und Toleranz des Staates in Bezug auf die anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften wieder. In diesem Zusammenhang obliegt es den Kirchen und Religionsgemeinschaften auf den interreligiösen Austausch einen Schwerpunkt zu setzen. Wie meine Forschungsergebnisse auch aufweisen, kann es durchaus der Fall sein, dass Elternteile unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeiten unterschiedliche Werte- und Erziehungsvorstellungen haben, wodurch sich ein Spannungsfeld besonders für die Kinder herauskristallisiert.

Für das Wohlbefinden der Kinder, die in ihren Familien muslimisch-christliche Glaubenszugehörigkeiten vorfinden, ist es von enormer Bedeutung, dass die SchülerInnen der religiösen Pluralität mit Selbstverständlichkeit begegnen. Die SchülerInnen sollen ebenfalls zum interreligiösen Lernen befähigt werden, die unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten im familiären Umfeld nicht als Bedrohung oder Belastung, sondern als Inspiration für den eigenen Glauben wahrzunehmen. Mein Ansatz soll nicht nur im Vorhandensein von SchülerInnen gemischter Religionszugehörigkeiten zur Anwendung kommen.

 

Um die Authentizität und Lebenstauglichkeit der konfessionellen Religionsstunden in den Schulen zu gewährleisten, muss meines Erachtens das theologische Spektrum der Religionen hinsichtlich der Positionierung gegenüber anderen Religionen klar offengelegt werden.

 

[1] Dursun, Sule (2013) Kinder muslimisch-christlicher Eltern: Qualitativ empirische Fallstudien, AV Akademikerverlag.

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