Fasten bedeutet im Islam mehr als nur die Verringerung der Nahrungsaufnahme. Über den Verzicht hinaus geht es dabei um das Trainieren von Stärke durch Mäßigung zum Zweck des Einübens in Ausdauer und Geduld, um die Schärfung des sozialen Gewissens, und schließlich um ein friedlicheres Zusammenleben aller.

Fasten als eine der fünf Säulen des Islam

Fasten heißt auf Arabisch Saum oder Siyam und bedeutet “Enthaltsamkeit”. Der Fastenmonat im Islam ist Ramadan, der arabische Begriff kommt von “ar-ramad”, was soviel wie “brennende Hitze” bedeutet. Der Überlieferung nach ist diese Bezeichnung darauf zurückzuführen, dass im Rahmen der Benennung der Monate die Jahreszeit mitberücksichtigt wurde. So gesehen entsprach der neunte Monat Ramadan des islamischen Kalenders, der sich nach der Mondbewegung richtet, dem Sommer. Vor ungefähr fünfzehn Jahren, als ich nach Österreich gekommen bin, haben wir Ramadan im November und Dezember gefastet. Heuer beginnt er in der letzten Woche im Mai und endet, da Ramadan 29 bzw 30 Tage dauert, kurz vor Schulschluss. Er ist der heilige Monat, in dem der Qur´an zum ersten Mal offenbart wurde.

Das Fasten im Monat Ramadan, das den Muslimen erst im zweiten Jahr (ca. 624) nach der Hidschra – Auswanderung des Propheten Muhammed von Mekka nach Medina im Jahre 622 – vorgeschrieben worden ist, gehört gemäß dem folgenden Hadith zu den fünf Säulen des Islam:

“Der Islam wurde auf fünf Säulen errichtet: Der Bezeugung, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und dass Muhammed der Gesandte und Diener Gottes ist, dem Verrichten des Gebetes, dem Entrichten der Zakat (religiöse Pflichtabgabe), dem Fasten im Ramadan und der Pilgerfahrt nach Mekka.”

Während des Ramadans besteht in der Zeit vom Tagesanbruch bis zum Sonnenuntergang für Muslime, sowohl Frauen wie Männer, die zurechnungsfähig (geistig gesund) und geschlechtsreif sind, die Pflicht auf alle Formen von Nahrung (Essen und Trinken), auf Genussmittel und Geschlechtsverkehr (mit de/r/m Ehepartner/in) zu verzichten. Ausgenommen werden vom Fasten Reisende, Kranke und Frauen während der Menstruation, Hochschwangere, Frauen während der Stillperiode und unmittelbar nach der Entbindung. Diese Personen dürfen das Fasten auf eine spätere Zeit außerhalb des Monats Ramadan verschieben. Im hohen Alter sowie bei einer chronischen Krankheit wird das Fasten durch materielle Hilfe an Arme und Bedürftige ersetzt. Historisch ist Fasten als Gestaltungselement des Lebens laut dem Qur´an (2:182-184) bereits vor dem Islam belegt, allerdings in vielfältigen Formen und Ritualen:

“O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren. Vielleicht werdet ihr (Gott) fürchten. Es sind nur abgezählte Tage. Und wer von euch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten). Und denen, die es mit großer Mühe ertragen können, ist als Ersatz die Speisung eines Armen auferlegt. Und wenn jemand freiwillig Gutes tut, so ist es besser für ihn. Und dass ihr fastet, ist besser für euch, wenn ihr es (nur) wüsstet! Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur´an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Gott will es euch leicht. Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Gott rühmt, dass Er euch geleitet hat.”

Solidarität durch Mäßigung

Das Fasten ist kein passives Verhalten, sondern eine Zeit, in der die/der Muslim/a ihre/seine Schwächen erkennt und sich selbst zu beherrschen lernt. Es ist eine Schule zur Kontrolle der Begierenden; man lernt, sie im Zaum zu halten, damit man nicht zu deren Sklave/in wird. Daher darf das Fasten keineswegs als Strafe verstanden oder als eine untragbare Bürde dargestellt werden – vielmehr soll Fasten Mäßigung und geistige Disziplin lehren. Denn all das, worauf der Mensch während des Fastens verzichten soll, wie Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr, das ist ihm nach Beendigung der Fastenzeit am Abend erlaubt. Demnach sollen die natürlichen Triebe keineswegs völlig unterdrückt, sondern lediglich in gesunden Grenzen gehalten werden. Das alles bereitet den Menschen auf schwierige Zeiten oder Situationen vor. Es verhilft ihm zu Geduld und Ausdauer. “Das Fasten ist die Hälfte der Geduld”, so wie der Gesandte Gottes gesagt hat. Zugleich erwächst beim Fasten auch die Hilfsbereitschaft gegenüber den Armen und Leidenden in der Gesellschaft. Durch diese Entwicklung entsteht zwischen den Menschen Solidarität.

Sufismus: Fasten, Speisen und Worte

In der “Wissenschaft des Inneren”, wie die islamische Mystik, der Sufismus, auch genannt wird, wird das Fasten in drei Stufen eingeteilt: Das Fasten im oben erwähnten Sinne von Verzicht auf Nahrungsaufnahme. Auf der zweiten Stufe bedeutet Fasten Verzicht aller Sinnesempfindungen (Sehen, Hören, Tasten) auf schlechte Taten. Denn es wird besagt:

“Fünf Dinge machen das Fasten ungültig: Lügen, Verleumdung, Diffamierung, Meineid und der Blick mit Begierde.”

Mit der dritten Stufe des Fastens ist die Überwindung der niederen Triebseele gemeint, die durch die Askese erreicht wird. Fasten ist ein Element der Askese und fällt als solches in die Vorstufe zum Sufismus, wo permanentes Fasten geboten ist durch Verringerung von Essen und Trinken so weit als möglich. Das Fasten dient hier der Selbstbeherrschung. Da die niederen Eigenschaften durch die Begierden verursacht werden, beginnen die Sufis mit dem Verzicht auf den Genuss der Ernährung, denn es sei kein Verhalten eines Sufis, sich den Magen vollzuschlagen. Außerdem gilt Hunger als Reinigungsmittel des Herzens. Beim Hungrigsein spürt der Mensch den Sinn der Anbetung. In diesem Zusammenhang deutet die bereits erwähnte brennende Hitze, wortwörtliche Bedeutung des Wortes Ramadan, auf das Hitzegefühl im Magen hin, das durch Hunger und Durst erzeugt wird. Im Ramadan ist die Menschenseele für die göttliche Spiritualität empfänglicher, so wie Sand und Steine für die Hitze der Sonne in der Sommerzeit. So hilft das Fasten, das zur Brennung im Magen führt, dem Gläubigen sich physisch und geistig neu zu formen und somit sein Verhalten zu erneuern. Hierzu sagt der im 9. Jahrhundert in Ägypten lebende Sufi Dhun-Nun Al-Misri:

“Die Weisheit tritt nicht in einen mit dem Essen vollgeschlagenen Magen ein.”

Zum Fasten gehört auch wie bereits angesprochen, dass sich die/der Muslim/a ganz besonders davor hütet, schlechte Rede zu führen, zu lügen oder Böses zu tun. Die/der Fastende hüllt sich in Schweigen, da dies ein Schutz vor vielen Lastern ist: Unwahrheit, Heuchelei, angelogenes Lob, Schimpfen, Unanständigkeit, leeres Versprechen, Verleumdung, das “Nichtwahrenkönnen” von Geheimnissen, Selbstverherrlichung und Prahlerei. Nicht allein aus den genannten Gründen verharrt die/der Fastende in Schweigen, sondern weil das Schweigen eine sittliche Gesinnung vor Gott ist:

“…die Stimmen senken sich in Demut vor dem Allerbarmer, so dass du nichts hörst außer Flüstern” (Qur´an, 20:108).

Hin zur ethisch-moralischen Vervollkommnung

Medizinisch, so beispielsweise die Forschungen des Institutes für molekulare Biowissenschaften an der Universität Graz, ist bewiesen, dass Fasten gesund macht. Gemäß einem Hadith hat der Prophet gesagt: “Fastet, ihr werdet gesund.” Und es steht fest, dass das Fasten das Verhalten und Handeln des Menschen normativ beeinflusst. Somit besitzt Fasten eine spirituelle Dimension in jeder Religion, die auf sittlicher Gesinnung beruht, da das Ziel des Fastens ist, die niederen Triebe zu bekämpfen, um positive Eigenschaften zu erreichen. Dies verlangt notwendige körperliche Anstrengungen, bestimmte seelische und spirituelle Übungen sowie Verzicht auf die materiellen Dinge der Dunya, der diesseitigen irdischen Welt. Das Schönste am Fasten ist, Gott, dem Barmherzigen, zu dienen und seine Liebe zu gewinnen. Dem Menschen wird dabei großes Glück, Zufriedenheit und Seelenfrieden zuteil. Man erreicht konstante innere Einheit und das Gefühl einer vollständigen Individualität. Somit dient Fasten der ethisch-moralischen Vervollkommnung des Menschen und dem friedlichen Zusammenleben mit seinen Mitmenschen.

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