Mit dem kommenden Freitag beginnt das Opferfest der MuslimInnen, das neben dem Ramadan-Fest das wichtigste Fest im Islam darstellt. In diesen Tagen findet auch eine der wichtigsten Gottesdienste der MuslimInnen statt, nämlich die Pilgerfahrt nach Mekka, die von allen Gläubigen, die wirtschaftlich und geistig in der Lage sind, zumindest einmal im Leben vollzogen werden sollte. Zu diesem Festtag ist es für MuslimInnen, die überwiegend der hanafitischen Rechtsschule angehören, eine Art von Pflicht (wādschib) ein Opfertier zu schlachten. Der Unterschied zwischen fard-“Pflicht” und wādschib-“Pflicht” besteht darin, dass fard nach den Hanafiten nur jene Pflichthandlungen sind, die aus sicheren Quellen (Koran, Sunnah oder feststehende Konsense) abgeleitet sind. Während wādschib eine Pflicht darstellt, “deren Pflichtsein hypothetisch und nicht gewiss ist”. (Ghandour, Fiqh, 2014, S. 73) Diese Pflichten sind also weniger verpflichtend als die fard-Pflichten. MuslimInnen aus anderen Rechtsschulen betrachten das Schächten des Opfertieres an diesem Tag wiederum als „Sunnah“, welche als noch weniger verpflichtend gilt als die wadschib-Pflicht.

Diese Tradition des Tieropfers wird durch islamische Rechtsgelehrte aus verschiedenen Stellen des Korans abgeleitet, vor allem aus der Geschichte Abrahams, der in seinem Traum einen Befehl Gottes erhielt, seinen Sohn für Ihn zu opfern, um seine Glaubenstreue zu prüfen. Während des Opferaktes jedoch erhielt Abraham den göttlichen Hinweis, ein Opfertier an Stelle seines Sohnes zu nehmen, um die so hart geprüfte Gottergebenheit von Abraham auf diese Weise zu belohnen und seinen Sohn zu retten. Muslimische Gelehrte leiten aus weiteren Koranstellen, wie 108:5, 37:107, das Pflichtgebot ab. Weil dieses Pflichtgebot nicht so eindeutig auf ein Opfertier hindeutet, wurde diese Pflicht unterschiedlich verstanden, zB nicht so eindeutig wie das Gebet oder das Fasten im Monat Ramadan.

Das ist die theologische Grundlage für die aktuelle als auch allzeit historische Praxis der MuslimInnen, die ich sehr kurz dargestellt habe. In der Gegenwart jedoch geht es nicht mehr unbedingt um diese theologische Debatte, sondern viel mehr um das Schächten von Tieren aus moralethischen Gründen und ob dieses Vorgehen wirklich dem Sinn des Korans entspricht oder nicht.

Aus alle dem ist eindeutig ein höchst lukrativer Markt geworden, auf dessen Profit viele Geschäftsleute nicht verzichten möchten. Es geht um die millionenfache Masse von Tieren, die man in bestimmten Tagen unbedingt schächten muss. Koste es was es wolle! Sehr viele Organisationen wollen mit der Verteilung und Schächtung dieser Tiere prahlen und sich als Wohltäter überbieten. Sehr überzeugt und mit großer Genugtuung werden Bilder gezeigt, wie die Tiere unter unvorstellbar leidvollen und vor allem unwürdigen Verhältnissen geschlachtet werden. Hier könnten MuslimInnen eigene Akzente setzen und nicht andere Länder in deren grausamen Behandlungen der Tiere als Vorbilder nehmen. Ein solcher Widerspruch im Sinne des Islam wäre nicht zielführend.

In der Tat geht es darum, dass MuslimInnen sich in diesen Tagen für die Gnade Gottes bedanken, das Er die unfassbar brutale und heidnische Menschenopfer-Tradition düsterer Menschheitsgeschichte abgeschafft und die Würde des Menschen somit gerettet hat. Dementsprechend besteht eine weitere Tradition darin, in diesen Tagen die Rechte der Bedürftigen auf Unterstützung und Lebenshilfe nicht zu vergessen.

Viele MuslimInnen im satten und übersättigten Europa und anderswo im Westen haben schon lange verstanden, dass man dieser Pflicht nicht unbedingt mit der gnädigen Verteilung von Opferfleisch entsprechen muss und schicken ihre Spenden-Gelder in die bedürftigen Länder dieser Welt, wo die Menschen wirklich kein Fleisch konsumieren können, um dort stellvertretend ein Tier für diese Zwecke zu schlachten.

Wenn man jedoch im Sinne des Korans weiterdenkt, ist es sogar einfach nachzuvollziehen, dass die Spende nicht allein vom Fleisch abhängig zu machen ist. Ganz so, wie man in Europa teilweise abgeschafft hat, die Tiere unter großen Qualen bei vollem Bewusstsein zu schächten, sollte es in den islamischen Ländern auch ein Grund zum Umdenken sein, dass Gott das Blut der Tiere nicht braucht, sondern nur ein waches, klares und intelligentes Gottesbewusstsein, das sich von einer blinden Tradition löst und sich in einer gesunden Spiritualität weiterentwickelt. Ein Denken im Sinnes des Korans wird uns den Weg zeigen, dass man unter OPFER nicht unbedingt „TIEROPFER“ verstehen muss.

In diesem Sinne wünschen wir allen MuslimInnen ein gesegnetes Opferfest!

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