Ein Interview mit Dr. Jonas Kolb über die religiöse Alltagspraxis von 80 % der MuslimInnen in Österreich zur Veranschaulichung der inner-islamischen Pluralität.

Die 2017 erschienene Studie „Muslimische Diversität – Ein Kompass zur religiösen Alltagspraxis in Österreich“ ist das Ergebnis einer empirischen Sozialforschung von Jonas Kolb, Ednan Aslan und Erol Yildiz. Wie angekündigt, steht einer der Autoren, Dr. Jonas Kolb, für ein Interview mit CEAI vor der Kamera und spricht über die Bedeutsamkeit der Studie.

Kolb führt den „Facettenreichtum und die Variationsbreite des muslimischen Lebens in Österreich“ als vordergründige Zielrichtung der Studie an. Dabei war es ein Anliegen der Autoren, ein alltagsnahes Bild davon zu geben, wie MuslimInnen im alltäglichen Leben mit ihrer Religion bzw. Religiosität umgehen. Im Hinblick darauf hat CEAI Interviews, die im Zuge der Studie durchgeführt wurden, von SchauspielerInnen nachstellen lassen. 

  

Um ein Abbild dieser Alltagswelt zu skizzieren, richteten die Autoren in dieser Studie den Fokus auf MuslimInnen, die eben nicht Teil islamischer Organisationen, Moscheen etc. sind. So seien 80 % der MuslimInnen „nicht organisiert“. Neben der quantitativen Erhebungsmethode wurde im Zuge qualitativer Erhebungen auf genau dieses Ziel eingegangen. Anhand eines problemzentrierten Leitfadeninterviews wurden 70 MuslimInnen aus Österreich zu unterschiedlichen Inhalten befragt. Unter anderem wurde auf folgende Bereiche eingegangen: Sozialisation, Bildung, religiöses Selbstbild, Bedeutung der Religiosität, religiöses Wissen, religiöse Alltagspraxis, Umgang mit religiösen Vorschriften im Alltag, Freizeitgestaltung, Familienleben, etc. Die Interviewten sind auf gewisse Themenbereiche danach eingegangen, wie wichtig oder wie unwichtig jene für sie sind. So haben die Interviews ganz individuelle Richtungen eingeschlagen. Befragt wurden verschiedene Personengruppen.

Die Auswertung der Daten hat dazu geführt, dass eine 5-stufige Typologie erstellt werden konnte, die eine Unterteilung fünf unterschiedlicher Formen religiöser Alltagspraxis ermöglicht. Diese fünf Formen werden wie folgt bezeichnet: Bewahrende Religiosität, Pragmatische Religiosität, Offene Religiosität, Religiosität als kulturelle Gewohnheit und Ungebundene Restreligiosität.

Um die unterschiedlichen Typen (Formen der Religiosität) anschaulich zu machen, hat CEAI Interviews aus der Studie von Schauspielern nachstellen lassen. Auf diese Weise wird ein realistischer Eindruck geboten, wie die jeweiligen Formen von MuslimInnen gelebt und erlebt werden. Auf die Frage, welche Form die am häufigsten praktizierende ist, nennt Kolb die “pragmatische Religiosität”, d.h. 30% der Befragten fallen in diese Gruppe. Gefolgt von der “Religiosität als kulturelle Gewohnheit”, etwa 27% der Interviewten. Die drei restlichen Praxisformen seien etwa gleichmäßig vertreten. Kolb spricht von 15% aller Befragten. In den jeweiligen Interviews zu den fünf Typen erläutert Kolb die Praxisformen näher.

Welche der Praxisformen einen Islam europäischer Prägung wiederspiegeln könnte, beantwortet Kolb basierend auf zwei wichtigen Schlussfolgerungen der gesamten Studie. Zunächst sei eine säkulare Tendenz innerhalb der muslimischen Gesellschaft in Österreich zu beobachten, die darauf basiert, dass Religion als private Angelegenheit betrachtet werde und von Politischem oder Gesellschaftlichem zu trennen sei. Die andere Tendenz sei, dass eine Neudefinition bzw. Neuinterpretation von gängigen Lehrmeinungen im Gange sei. Das zeige sich sehr stark bei der Praxisform “Offene Religiosität”. So werden religiöse Praktiken und Vorschriften kritisch infrage gestellt. Nach Kolb finden sich in dieser Form, Aspekte eines Islam europäischer Prägung wieder.

Insgesamt zeigen die Erkenntnis, dass die Alltagswirklichkeit der MuslimInnen äußerst vielschichtig, komplex und differenziert ist. Das öffentliche Islambild sei diesbezüglich neu zu definieren, und damit zusammenhängend seien auch die konventionellen Integrationskonzepte und praktischen Maßnahmen kritisch zu reflektieren. Es wäre darüberhinaus notwendig, die unterschiedlichen religiösen Erfahrungen von MuslimInnen im Bildungskontext als Lernvoraussetzung anzuerkennen und in Bildungskonzepte einfließen zu lassen. Vor allem Bildungsinstitutionen sollen die Bedeutung der religiösen Diversität und der hybriden Alltagspraxen als Normalität anerkennen sowie ihre Bildungsziele daran ausrichten. Für die Theologie bedeute dies, dass sie die veränderten Lebenswirklichkeiten von den Menschen ernst nehmen müssten, die sich als Muslime und Musliminnen definieren, meinte der Co-Autor Erol Yildiz im Rahmen der Tagung zur Förderung des interreligiösen Dialogs am 1. März in Salzburg/St. Virgil.

CEAI bedankt sich für die ausgezeichnete Zusammenarbeit recht herzlich bei allen Beteiligten!

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