Reflexive Religiösität bedeutet, über seine eigene Religion eigenständig nachzudenken. Dieses Denken kann sich im Laufe eines Bildungsprozesses verändern. Besonders bei Frauen sind dabei immer auch traditionelle Rollenbilder und das Aussehen –Stichwort “Kopftuch” – betroffen. Das wird in Erzählungen betroffener Frauen deutlich, berichtet in diesem Artikel Sule Dursun.

In meiner Dissertationsarbeit über die „Deutungsmuster von Religion und Religiosität bei Frauen türkischer Herkunft mit Universitätsabschluss in Wien“ konnte ich vertiefende Kenntnisse über die unterschiedlichen Lebenswelten junger Musliminnen türkischer Herkunft gewinnen. In diesem Artikel möchte ich besonders ein zentrales Forschungsergebnis ausführen, in dem es sich um religiöse und kulturelle Praxis bzw. Werte der Interviewpartnerinnen handelt. Hauptanliegen meiner Studie war es zu ermitteln, welchen Einfluss die höhere Bildung auf die religiösen Einstellungen jungen Frauen haben könnte.

Junge Frauen mit Universitätsabschluss haben ihre religiöse und kulturelle Praxis individuell modifiziert.

Individuelle Modifikation heißt es deshalb, da diese Frauen entweder mit einem Volks- oder konservativen Islam aufgewachsen sind und erst ab ihrer Studienphase sich mit diesen kritisch auseinandergesetzt haben. Kritische Auseinandersetzung führten die Interviewpartnerinnen nicht dazu, das Erlernte völlig abzulehnen. Vielmehr haben sie eine modifizierte religiöse und kulturelle Deutung in ihrem Leben adaptiert.

Im Folgenden möchte ich anhand zweier Erzählungen diese Modifikation erläutern: bild artikel dursun

Eine Interviewpartnerin, die aufgrund des Kopftuchverbotes zum Studieren nach Österreich kam, erzählte, dass sie bis zu ihrer Studienzeit aufgrund ihrer religiösen Überzeugung eher vermied, Männern die Hände zu schütteln. Der Besuch eines theologischen Mädchengymnasiums in der Türkei und die darauffolgende Studienzeit in einer männerdominierenden Studienrichtung in Wien bewegte sie ihre persönlichen Einstellungen neuzugestalten. Diese Änderung deutet sie nicht als eine Art von Nichterfüllung eines religiösen Gebotes sondern als ein Resultat der unterschiedlichen kulturellen Kontexte.Das in der Kindheit von der Mutter vermittelte Frauenbild, in dem eine ideale Muslimin nur zu Hause sitzen und beten soll, wird von der Interviewpartnerin als primitiv bewertet. Sie geht ebenfalls auf die jahrhundertelange Auslegung der islamischen Religion durch die Männer ein, die sie sehr patriarchalisch bewertet und kritisiert dabei vielmehr die Frauen als die Männer. Sie wirft den Frauen vor, dass sie jahrhundertelang im theologischen Bereich passiv geblieben sind und daher die Männer auch frauenspezifischen Themen übernehmen mussten und zu ungunsten der Frauen religiöse Entscheidungen getroffen haben. Ihre Deutung lautet, dass Gott die Frauen nicht nur dafür erschaffen haben kann, dass sie nur zu Hause bleiben und beten müssen.

Individuelle Modifikation ist nicht nur bei Frauen mit Kopftuch sondern auch bei Frauen ohne Kopftuch zu beobachten.

Eine andere Interviewpartnerin dachte früher, dass es nicht geht, dass eine Muslimin das rituelle Gebet verrichtet, die nicht regelmäßig ein Kopftuch trägt. Jetzt ist sie der Ansicht, dass das Gebet zu den religiösen Vorschriften gehört, egal wie sie aussieht. Sie denkt, dass sie beten und danach ohne Kopftuch spazieren gehen oder schwimmen kann. Sie erzählte, dass sie früher von religiösen Predigern alles als richtig annahm und unhinterfragt diese in ihrem Leben umsetzte. Bei einer verdächtigen Aussage des religiösen Predigers, wie, dass Zahnsteine oder Tattoos verboten seien, verlässt sie sich nun vielmehr auf ihre eigene Recherchen.

Erzählungen wie diese zeigen, wie unterschiedlich die religiösen Deutungen sind.

Unabhängig davon, ob diese jungen Frauen in ihren Haltungen säkularer sind oder auch das religiöse Erleben adaptieren, kam aus meiner Studie sehr klar heraus, dass bei keiner jungen Frau ein Rückzug oder Isolation aus der Gesellschaft aufgrund der religiösen Überzeugung zu beobachten ist. Im Gegenteil: Was das weibliche Rollenbild betrifft, gelingt ein Spagat zwischen traditionellen Geschlechterzuschreibungen und emanzipatorischen Idealen.

Allen ermittelten religiösen Deutungen zufolge kann man auf eine „reflexive Religiosität“ der Interviewpartnerinnen hindeuten, in der die Konfrontierung mit Neuheiten und früheres „enges“ Religionsverständnis mit einer Modifikation religiöser und kultureller Praxis bewältigt wird.

Was die ausschlaggebende Neuheit bei den Interviewpartnerinnen ist, dass sie durch ihre abgeschlossene universitäre Ausbildung bezüglich Religion von einem Schwarz-Weiß-Denken zu einer reflexiven Religiosität kommen, die ihnen einen neuen Lebensraum öffnet.