Wer den kühlen Kopf bewahrt, wird zukunftsfähig bleiben!

Gewiss scheitert es auch daran, einen Grund für die Auseinandersetzung mit dem Islam in Europa und in der Welt zu finden. Die Muslime selbst liefern jede Menge Gründe dafür, dass die Welt ihre Vorurteile jeden Tag aufs Neue bestätigt findet. Allein die Alltagsbilder in den islamischen Ländern reichen für die Behauptung aus, dass die Muslime einfach nicht in der Lage sind, ein Land zu führen und eine vernünftige Politik zu betreiben.

Aus Sicht der islamischen Staaten ist der Grund für deren miserable Situation ziemlich einfach: „Der Westen und seine Islamophobie sind Schuld daran, weil der Westen das Hochkommen islamischer Länder nicht will.“ Dazu werden noch weitere Verschwörungstheorien nachgeliefert, wie die z.B., dass Mossad oder die CIA insgeheim gegen Muslime vorgehen.

Die Türkei, die einst als Hoffnungsschimmer für die islamischen Länder galt, ist wieder in diese antiwestlichen Ressentiments hineingefallen: Es ist wieder der Westen, der einfach die Errichtung monumentaler Brücken, Mega-Flughäfen oder aber breite Autobahnen nicht will, obwohl paradoxerweise alle diese gigantischen Bauprojekte in der Regel von westlichen Unternehmen errichtet werden. Die Großbaustellen der heiligsten Städte des Islams werden von westlichen Firmen dominiert.

Dabei vergisst die Türkei, dass der Westen den Frieden mit den Kurden begrüßt und Erdogan dafür gelobt hat. Man versucht zu verstehen, warum Erdogan Asad bekämpft. Weil er etwa kein “Demokrat“ ist? Warum unterstützt die Türkei dann die Oppositionellen in Syrien oder im Irak, wenn sie selbst diese Einmischung in der Türkei niemals befürworten würden?

Als Erdogan mit Asad einstmals gute Freundschaft pflegte, störte dieses gute Verhältnis den Westen nicht. Das Gegenteil war der Fall, weil man die Türkei als eine hoffnungsvolle Brücke zwischen der islamischen und westlichen Welt betrachtete. Auch das Problem mit den Gülen-Anhängern, die die Türkei nun mit allen Mitteln zu bekämpfen versucht, hat damit zu tun, dass Erdogan diese Leute selbst wollte. Eine goldene Generation, die betet, religiös ist und islamische Regeln sehr achtet. Nun aber wird diese religiöse Unmündigkeit zu viel für die Türkei, obwohl sie diese religiöse Kadaver-Gehorsamkeit selbst herbeisehnten und weiterhin großzügig unterstützen und befürworten. Jeder, der dieses „Zuviel“ an Religion im Staat etwas kritisiert hat, wurde nicht nur zum Feind des Islams erklärt, sondern wird auch als “Staatsfeind” von allen bekämpft. Nun unterstellt Erdogan dem Westen die Gülen-Anhänger gefördert zu haben!

Jetzt stellt sich die Frage, was das alles mit den Muslimen in Österreich zu tun hat? Das alles hat damit insoweit zu tun, dass die Mehrheit der organisierten Muslime diese Politik als unantastbare Wahrheit auch hier in Österreich unüberlegt konsumiert und sich ständig als Opfer betrachtet.

Eigentlich sollten solche Erfahrungen mit den islamischen Ländern ein ernsthafter Grund sein, religiöse Erwartungen, die eigene Religiosität im Westen im Lichte dieser Erfahrungen zu hinterfragen: „Wie viel Religion kann ein säkularer Staat verkraften?“ Wo sind die Grenzen der religiösen Praxis? Kann eine muslimische Polizistin mit Kopftuch ihre Religiosität nur mit dem Tragen des Kopftuches genüge tun oder kann sie weitere Ansprüche stellen, indem sie verweigert aus religiösen Gründen z.B. nicht in ein Lokal reinzugehen, wo Alkohol konsumiert wird? Oder kann sie berechtigten religiösen Anspruch stellen, nicht mit einem männlichen Kollegen in einem Fahrzeug den ganzen Tag oder Nacht ihren Dienst zu absolvieren? Kann sie weiterhin den Anspruch erheben, den männlichen Kollegen nicht die Hand zu reichen? Wer kann uns die Grenzen der Religiosität in der Gesellschaft bestimmen oder sind sie unendlich erweiterbar, je nach Empfindungslage und wie man sie selbst immer wieder neu daraus definiert? Wer kann sagen, dass der Niqab unislamisch, aber das Kopftuch islamisch ist? Wer kann und hat das Recht, die Religiosität der Anderen zu definieren?

Wenn auch all diese Fragen etwas provokativ und überspitzt erscheinen mögen, so haben sie ihre religiöse Legitimität in der Welt einer praktizierenden Muslima! Daraus entsteht unweigerlich die Frage, und zwar unabhängig von den Muslimen, wie viele religiöse Ansprüche ein Staat verkraften kann? Wo hören sie auf und wo fangen die Verbote an? Wie können religiöse Menschen solche Verbote bzw. religiöse Grenzen verstehen?

Muslime stehen aktueller denn je vor dieser Aufgabe im Westen. Selbst wenn ihnen solch bittere Debatten schwer im Magen liegen mögen, wird es höchste Zeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und ihre eigene Religiosität unter dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit zu überdenken, ohne dabei Menschengruppen pauschal als Feinde des Islams zu erklären. Die Folgen wären für die Muslime vor allem in Europa fatal, wenn sie die Mentalität der Muslime aus den islamischen Ländern übernehmen und sich der eigenen Verantwortung hierzulande entziehen würden.
Es kann für Muslime sehr schmerzhaft werden, aber wer in diesen schwierigen Tag den kühlen Kopf bewahrt, wird zukunftsfähig bleiben. Diejenigen, die nur einseitig Toleranz einfordern und immer nur verstanden werden wollen, aber eine Tradition der Aufklärung weder akzeptieren oder nicht verstehen wollen, werden leider auf der Strecke bleiben.