“Ansteckende Krankheit”

Ich habe die Aufgabe des Vorbeters im Gefängnis übernommen, weil die Insassen ein großes Bedürfnis nach religiöser Unterweisung in deutscher Sprache haben.

Jörg Imran Schröter, 46, ist Juniorprofessor für islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Als ehrenamtlicher Imam hält er regelmäßig das Freitagsgebet in der Justizvollzugsanstalt Freiburg ab.

Jörg Imran Schröter, 46, ist Juniorprofessor für islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Als ehrenamtlicher Imam hält er regelmäßig das Freitagsgebet in der Justizvollzugsanstalt Freiburg ab.

Bislang gibt es solche Angebote fast nur auf Türkisch, dafür kommen Vertreter des Islamverbands Ditib in die Haftanstalten. Zu meinem Freitagsgebet versammeln sich 15 bis 20 Männer. Es sind viele Muslime vom Balkan dabei, aber auch aus den Maghreb-Staaten oder aus Schwarzafrika. Wir treffen uns in einem Unterrichtsraum, die Gefangenen räumen die Tische beiseite.

Inzwischen haben wir die Erlaubnis bekommen, Gebetsteppiche zu benutzen. Außerdem hat die Gefängnisschreinerei eine Gebetskanzel gezimmert. Die Teppiche waren ein heikles Thema. Da in Freiburg die Insassen zumeist längere Haftstrafen verbüßen, gelten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen.

Dann gab es einen Fall, dass sich ein rechtsradikaler Gefangener einen Gebetsteppich bestellt und als Klovorleger benutzt hat, um die Muslime zu provozieren. Nun dürfen sich Gefangene Teppiche ohne religiöse Symbole bestellen. Es ist wichtig, dass muslimische Insassen ein gültiges Gebet verrichten können. Da im Gefängnis der Staat das Recht ausübt, haben die Insassen einen starken Sinn für Gerechtigkeit und Gleichbehandlung. Die christlichen Seelsorger können regelmäßig Sprechstunden anbieten und haben dafür ein eigenes Zimmer.

Ich bin nur unregelmäßig da. Häftlinge sind anfällig für radikale Parolen. Sie haben wenig Perspektiven, einige sind gewaltbereit. Manche glauben, sie könnten als religiöse Fanatiker nun in der Haft etwas darstellen, was sie in der Gesellschaft nicht geschafft haben. Ich spreche solche Fehlinterpretationen des Islam in meinen Freitagspredigten offensiv an. Danach sind schon Insassen zu mir gekommen und haben gesagt: „Wenn du nicht wärest, würde ich mich dem IS anschließen.“ Sie lesen den Koran, aber es fehlt ihnen die Auslegung.
Im Gefängnis hat ein Salafist viel Zeit, um andere zu agitieren.

Das kann dann wie eine ansteckende Krankheit sein, ich drücke das bewusst medizinisch aus. Wer einmal mit dem Keim infiziert ist, hört so schnell nicht mehr auf einen Ungläubigen oder einen, der angeblich den Islam verwässert. Und es gibt kein korrigierendes Umfeld. Ich halte es für legitim, Agitatoren so weit es geht zu isolieren, so wie es in der Schweiz und inzwischen auch in Frankreich praktiziert wird. Auch eine professionelle Seelsorge kann vorbeugend wirken. Deshalb ist es wichtig, Imame auszubilden. Wenn nicht ausgebildete Seelsorger die Aufgabe übernehmen, können sich Radikale unter den Gefangenen zu religiösen Wortführern aufschwingen.

Dieses Interview erschien im Spiegel.

Hier weitere Hintergrundinfos:
http://www.bundeswehr-journal.de/2014/studien-dokumentieren-den-terror-militanter-islamisten/
http://jungle-world.com/artikel/2016/41/54959.html
http://www.krone.at/welt/studie-is-wirft-ein-auge-auf-europas-gefaengnisse-wuetende-gesucht-story-533854