Das Wort “Seele” wird im Koran an mehreren Stellen erwähnt wie z.B.: “Wir haben ja den Menschen erschaffen und wissen, was (alles ihm) seine Seele einflüstert, und Wir sind ihm doch näher als seine Halsschlagader” (50:16). Damit verbunden lässt sich hier eine Frage stellen: Warum machen gottesgläubige Menschen Fehler, obwohl sie an Gott glauben, beten, das heilige Buch lesen und Almosen geben? Einige Gottesgläubige argumentieren damit, dass der Teufel sie verführen würde. Sie deklarieren den Teufel als Schuld für jede von ihnen begangene schlechte Tat. Doch wer verführte den Teufel (Schaitan) selbst, sich Gott zu widersetzen?

Im Koran (4:76) lesen wir: “Gewiss, die List des Satans ist schwach.”

Das heißt, der gefährlichste Teufel des Menschen ist nicht der Teufel, sondern seine Seele selbst. Eine arabische Weisheit besagt: „Der Mensch, insān, ist nach dem Vergessen, nisyān, benannt, und das Herz, qalb, ist wegen seines Hin- und Herschwankens, taqallub, so benannt“ (Schimmel 1994:62). Demnach stellt das Vergessen den Zugang des Teufels zur Seele dar. Laut  dem Koran gebietet “die Seele  fürwahr mit Nachdruck das Böse” (12:53). Daher gibt es Bittgebete, in denen man demütig, Gott um Vergebung bittet: “Mein Herr, ich habe mir selbst Unrecht zugefügt; so vergib mir” (28:16).

Über das Thema „Seele“ entstand eine reiche Sufi-Literatur, in der eine gründliche und tiefe Analyse der Seele vorgenommen wurde. Hierbei versuchen die Sufis, diese niederen Eigenschaften eines Menschen nicht abzutöten, sondern in positive Eigenschaften umzuwandeln, damit diese auf dem Weg zu Gott behilflich werden können. Daher sprechen sie weniger von der Tötung der Triebseele, sondern von der Transformation der nafs, des Ichs. Die Sufis haben eine eigene siebenstufige „Ich-Lehre“ (Shah 1980:308):

  1. an-nafs al-ammāra biʼs-sūʼ (der entartete, gebieterische nafs)
  2. an-nafs al-lawwāma (der anklägerische nafs)
  3. an-afs al-mulhama (der inspirierte nafs)
  4. an-nafs al-muṭmaʼinna (der stille nafs)
  5. an-afs ar-rādiyya (der erfüllte nafs)
  6. an-nafs al-mardiyya (der erfüllende nafs)
  7. an-nafs as-safiyya wa al-kāmila (der geläuterte und vollendete nafs)

Darüber hinaus besteht das gute Benehmen bei den Sufis nicht nur in der Reinigung des Herzens von Lastern, sondern es gilt für alle Stationen des sufistischen Weges, beginnend mit tauba („Reue“) und endend mit tauḥīd („Einheitsbekenntnis“) und fanāʼ („Entwerden“). Das liegt darin begründet, dass die Bekämpfung der schlechten Moral und der niederen Triebe sittliche Handlungen erfordert. Der/die Sufi/n ist dauernd untrennbar verbunden mit seiner/ihrer sittlichen Gesinnung, denn die Handlungen des Menschen sind als Ausdruck seines Inneren zu verstehen. Ist das Innerste eines Menschen rein, so sind seine Handlungen gut. Der Mensch handelt gemäß der in seinem Herzen liegenden Triebe.