Feste bestimmen nicht nur die soziale und politische Zugehörigkeitsstruktur des Einzelnen, sondern sie sind eine Form der persönlichen Frömmigkeit. Sie ermöglichen dem Menschen eine unmittelbare Gottesbeziehung. Darüber äußert sich Ägyptologe Jan Assmann (1996: 261) folgendermaßen: „Die persönliche Frömmigkeit hat ihre Wurzel offenbar im Fest. Dazu muss man wissen, dass die Feste [im alten] Ägypten die einzige Form waren, in denen breiten Volksschichten die Teilnahme am religiösen Leben möglich war. Für den Einzelnen waren die Feste die Gelegenheit, wo er „Gott schauen” durfte. So heißt es auch im Koran: “Weder das Fleisch noch das Blut der Opfertiere werden Allah erreichen, aber Ihn erreicht die Gottesfurcht von euch.

Die Frage ist nun: Wie kann man Gott beim Schächten eines Tieres schauen?

Mag.phil. Dr.phil. Driss Tabaalite (geb.1976) arbeitet als Reli­gion­slehrer an öffentlichen Schulen in der Steier­mark und ist Krankenhaus- und Gefan­genenseel­sorger in Graz, ermächtigt von der IGGiÖ. Der gebür­tige Marokkaner studierte ger­man­is­tis­che Lin­guis­tik, Ara­bis­tik und Islamwis­senschaften in Casablanca und pro­movierte in Deutsche Philolo­gie und Reli­gion­swis­senschaft in Graz.

Mag.phil. Dr.phil. Driss Tabaalite (geb.1976) arbeitet als Reli­gion­slehrer an öffentlichen Schulen in der Steier­mark und ist Krankenhaus- und Gefan­genenseel­sorger in Graz, ermächtigt von der IGGiÖ. Der gebür­tige Marokkaner studierte ger­man­is­tis­che Lin­guis­tik, Ara­bis­tik und Islamwis­senschaften in Casablanca und pro­movierte in Deutsche Philolo­gie und Reli­gion­swis­senschaft in Graz.

Die Sufis, nämlich die islamischen Mystiker, geben uns darauf Antwort. So sagt der türkische Sufidichter Niyazi Misri: „Dass Fasten, Beten, Pilgerfahrt genug seien, glaube, Frömmler, nicht! Um ein vollkommener Mensch zu sein, bedürfen der Erkenntnis wir.” (zit. nach Schimmel 1993:102). Es handelt sich also um eine klare Trennung zwischen dem Äußeren und Inneren der gottesdienstlichen Handlungen, d.h. zwischen den religiösen Pflichten und der Wahrheit der Gottesfurcht. “Gott schauen” kann keiner, der beispielsweise die Menschen terrorisiert und tötet und anschließend das Opferfest feiert. Denn es steht im Koran, dass “wer ein menschliches Wesen tötet, als ob er alle Menschen getötet hätte“. “Gott schauen” kann man, wenn man seine Seele von allem, was schlecht ist, befreit. Einem Hadith zufolge sagt der Prophet: „Reinige deine Seele durch Gutestun.

Das Opferfest soll eine Gelegenheit für jede/n Muslim/a sein, genau hinzuschauen, wie man seine Seele reinigen kann. Denn bei der Religionsausübung geht es nicht nur um die Erfüllung der Pflicht im buchstäblichen Sinne, sondern viel mehr um spirituelle Bedeutungen, welche aus den religiösen Geboten zu erschließen sind. Die gottesdienstlichen Handlungen, welche mit dieser Gotteserkenntnis nicht konform sind, so die Sufis, sind nicht in Ordnung, und umgekehrt die Erkenntnis, welche nicht mit religiösen Pflichten übereinstimmt, ist nach der Meinung  der Sufis nicht nützlich. In diesem Sinne sagen die Sufis, dass das rituelle Pflichtgebet und das Fasten etwas Großes sind, aber Stolz, Neid und Gier aus dem Herzen zu entfernen noch viel besser ist. Kurz gesagt: Man soll sich ins Innere der Religion vertieften, um aus den religiösen Pflichten tugendhafte Sitten zu machen und somit “Gott schauen” zu können.