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Selbstverschuldete Krise der Muslime

Dass sich die Muslime in einer Krise befinden, ist nicht die Erfindung vom französischen Präsidenten Macron, sondern gilt mittlerweile als Konsens bis hinauf in die Führungsspitzen der islamischen Ländern selbst; die Meinungen gehen lediglich darüber auseinander, wo die Ursachen derselben auszumachen sind. Während die einen die Vernachlässigung von Wissenschaft und Forschung sowie der darauf beruhenden wirtschaftlichen Entwicklung und damit das Ausbleiben nennenswerter Errungenschaften in diesen Bereichen anführen, sehen die anderen ihren Hauptgrund in der Abwendung vom wahren Islam.

Derzeit scheint letztere Position aufgrund ihrer Einfachheit die Oberhand zu gewinnen und sich zunehmend strukturell in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft niederzuschlagen, was diese Krise auf fatale Weise in der Politik institutionalisiert. So wird dann, anstatt die verfügbaren Ressourcen dafür zu verwenden, politische Probleme zu lösen und zukunftsfähige Wirtschaftskonzepte zu entwickeln, mit Eifer darangegangen, Feinde des wahren Islams aufzuspüren und deren schädliche Umtriebe für die beklagenswerten Zustände zu verklagen.

Die Reaktionen der Muslime in der islamischen Welt auf die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty und dem Terror in Nice mit zahlreichen Opfern zeigen, dass die Muslime ihre Opferrolle und ihre Implikationen für die Gesellschaft nicht diskutieren möchten. Dabei wird sogar der Prophet Muhammed als Opfer der Nichtmuslime dargestellt, als ob er unbedingt die Hilfestellung und Opferbereitschaft der Muslime benötige. Anstatt die theologischen und kulturellen Hintergründe der Enthauptungen und Ermordungen unschuldiger Menschen zu analysieren, möchte die islamische Welt die Hintergründe dieses Verbrechen in den bösen Absichten der westlichen Geheimdienste verorten. Es ist auch kein Zufall, dass der Generalsekretär der islamischen Fatwa-Kommission die Schuld in der Religionsfreiheit in Frankreich sucht und mehr Schutzmaßnahmen für den Islam fordert.

Die Lage der Muslime in Europa ist leider nicht viel anders. Wir Muslime leben seit langem in Europa, aber was das Leben hier konkret für uns bedeutet, haben wir noch immer nicht verstanden. In einer demokratisch – pluralistischen Gesellschaft zu leben, setzt bestimmte Kompetenzen voraus. Wir können nicht von allen Menschen erwarten, dass sie unsere religiösen Inhalte genauso respektieren und den Propheten genauso verehren. Proportional zur Weltbevölkerung betrachtet, stellen die Muslime nur einen gewissen Anteil dar, welcher nicht der Welt diktieren kann, wie sie mit islamischen Werten umgehen soll. Diese Erwartung, dass man uns genauso versteht, wie wir uns selbst definieren, ist falsch, vor allem von Nichtmuslimen zu erwarten, dass sie Muhammed gleich verehren, wie die Muslime es tun. Im europäischen Kontext sollten die Muslime in der Lage sein, mit verschiedenen Ansichten und Wertvorstellungen umzugehen. Das bedeutet, dass die Muslime ihre eigene Religion im europäischen Kontext von den unreflektierten theologischen Inhalten befreien und ihr eine neue Prägung geben. Es bedeutet aber nicht, dass sie auf ihre eigenen Werte verzichten müssen, sondern diese im europäischen Kontext neu verstehen und auch kritisch hinterfragen. Je weniger die Muslime sich selbst und ihre religiös begründeten Handlungen reflektieren, desto eher werden die Anderen als Bedrohung wahrgenommen.

Gerade der Koran macht unmissverständlich klar, dass die verschiedenen Meinungen und Weltdeutungen ein Zeichen des göttlichen Willens und seiner Weisheit sind.

„[…] Für jeden von euch haben Wir ein (verschiedenes) Gesetz und eine Lebensweise bestimmt. Und wenn Gott es so gewollt hätte, Er hätte euch alle sicherlich zu einer einzigen Gemeinschaft machen können: aber (Er wollte es anders,) um euch zu prüfen durch das, was Er euch gewährt hat. Wetteifert denn miteinander im Tun guter Werke! Zu Gott müsst“ (Qur’an 5:48).

„Denn jede Gemeinschaft wendet sich ihrer eigenen Richtung zu, von der Er der Mittelpunkt ist. Wetteifert daher miteinander im Tun guter Werke. Wo immer ihr sein mögt, Gott wird euch alle zu Sich versammeln […]“ (Qur’an 2:148)

Eine echte muslimische Aufgabe besteht eigentlich demnach darin, einen zivilisierten Umgang mit dieser Vielfalt zu entwickeln und einen sichtbaren Beitrag für den sozialen Frieden zu leisten.

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