Vegetarier und Veganer sind die klassischen Vertreter, wenn es darum geht, seine Ernährungsweise umzuformen und auf ein bewussteres Essverhalten zu achten.
Begibt man sich auf eine religiöse Ebene, stößt man ebenfalls auf spezifische Ernährungsrichtlinien, nach denen sich Gläubige richten. Die bekanntesten Ausdrücke sind für AnhängerInnen des jüdischen Glaubens “koscher”, für MuslimInnen “halal”. Nach letzteren Regeln lebe ich.
Es begann im Monat Ramadan vergangenen Jahres.

Unerträgliche Temperaturen an den längsten Tagen des Jahres gepaart mit Prüfungsstress machten es mir kaum möglich, den Fastenmonat durchgehend einzuhalten. Dennoch wollte ich den gesegneten und spirituellen Monat nutzen und entschied mich dazu, mich für 30 Tage islamisch sitthaft – arabisch für „halal“ – zu ernähren. Der Verzicht auf Schweinefleisch und Alkohol war für mich zu jener Zeit die Definition einer korrekten Ernährungshaltung, wie sie für MuslimInnen vorgeschrieben ist. Dass diese Auslegung jedoch viel zu naiv gedacht und die tatsächliche Bedeutung sehr viel umfassender ist, sollte ich später lernen. Fleisch spielte in meiner Nahrung eine dominante Rolle, Diäten hatten nie einen Platz, ein hohes Maß an Selbstdisziplin wurde also von mir gefordert. Auswärts essen gehen oder einkaufen im nicht-islamischen Supermarkt stellten mich vor Herausforderungen, die ich zuvor nicht kannte. Auf der Speisekarte in Restaurants musste ich auf die oft sehr dürftige Auswahl an vegetarischen Gerichten zurückgreifen, Zutatenlisten von Produkten genau studieren, meinen Heißhunger auf Fastfood nun nur noch mit Döner stillen.

Eher als erwartet gewöhnte ich mich an die Umstände und entwickelte ein neues Bewusstsein über das, was ich zu mir nahm, sodass ich mich gegen Ende des Ramadans dazu entschloss, diesen temporären Zustand in einen dauerhaften umzuwandeln. Die Umstellung fiel mir anfangs schwer, aber ich blieb konsequent. Ich tat es aus eigenem Willen, beugte mich keinem Gruppenzwang, der bei mir ohnehin nicht existierte, da sich die überwiegende Mehrheit meines Familien- und muslimischen Freundeskreises lediglich an das Alkohol- und Schweinefleischverbot hielt. In einer scheinbar grenzenlosen Gesellschaft lebend, setzte ich mir meine eigenen Grenzen, markierte eine moralische Linie, die ich nicht überschreiten wollte.

Der überzeugendste Grund für mich, nach diesen Normen zu leben, ist neben der metaphysischen Annäherung an Gott, vor allem der schonende und respektvolle Umgang mit dem Tier, das dem Schlachtungsprozess vorausgesetzt wird. Massentierhaltungen entsprechen nicht dem islamischen Gedanken, nach dem auf das Wohl des Tieres großen Wert gelegt wird. Nach muslimischem Verständnis dienen Tiere nicht nur dem Zweck, sondern ihnen wird, als Teil der Schöpfung Gottes, ein moralischer Eigenwert zugestanden. Die Basmala, die Anrufungsformel „Bismillahi ‘r-Rahmani ‘r-Raheem“ („Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen“), die vor der Schlachtung über dem Tier ausgerufen wird, zeigt, dass auch sie mit Würde und Respekt betrachtet werden.

Da der Verzehr von Blut den Gläubigen strengstens untersagt ist, muss gewährleistet werden, dass das Schlachttier durch den gezielten Kehlschnitt rückstandslos ausblutet, erst dann darf das Fleisch zum Verzehr weiterverarbeitet werden. Durch die Abtrennung der Hauptschlagadern wird die Blut-und Sauerstoffversorgung zum Gehirn gekappt und das Schmerzempfinden setzt aus. Das Leid des Tieres wird minimiert, der Tod tritt nach wenigen Sekunden ein.

Der Halal-Begriff bei Lebensmitteln lässt viel Spielraum für diverse Auslegungen, denn längst erkennt man in westlichen Supermärkten Fleisch und Alkohol nicht nur in Produkten wie Trüffelpralinen oder Wurstsalat. In Essig, Marmelade und selbst Kosmetika können alkoholische und tierische Spuren enthalten sein. Aufgrund des geringen Anteils gibt es allerdings innerhalb der islamischen Rechtsschulen keinen gemeinsamen Konsens darüber, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Mittlerweile achte ich seit anderthalb Jahren auf die islamkonforme Ernährungsweise. Es war ein Prozess, an den ich mich langsam gewöhnen musste, der sich aber mittlerweile tief in mir verankert hat. Die Art der Auslegung sollte individuell bleiben. Zwar verzichte ich auf Gummibärchen, jedoch nicht auf Hustensaft.

Die Entscheidung, sich nur noch halal zu ernähren, sollte eine sorgfältig bedachte sein. Ein eigener starker Wille ist entscheidend, denn beugt man sich dem gesellschaftlichen Druck von außen, kann diese Praxis nicht wahrhaftig ausgelebt werden. Halal essen kann aber auch eine Alternative für Nicht-MuslimInnen darstellen, die den Fleischkonsum aufgrund von unwürdiger konventioneller Tierhaltung ablehnen.

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