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Ramadan in Zeiten des Coronavirus

Am 24. April sollten die erwachsenen Muslime, die in der Lage sind, selbständig Entscheidungen zu treffen, mit dem Fasten anfangen. Seit über 1500 Jahren eigentlich eine gewohnte Praxis, die jedoch in diesem Jahr durch die Schutzmaßnahmen gegen die weltweit bedrohliche Corona-Pandemie vor etlichen Herausforderungen steht. Das bedeutet, dass die Gläubigen ihre besonderen Gebete zu späten Nachtstunden nicht gemeinsam in den Moscheen verrichten dürfen und auch die aufwendigen Abende für das Fastenbrechen nicht mehr wie gewohnt organisieren können. Viele Familien sind durch diese Maßnahmen sehr betroffen, da sie weder ihre Familienangehörigen besuchen noch Leute zu sich einladen können. Darüber hinaus könnte es auch zu Entscheidungen der WHO kommen, dass sie vielleicht gänzlich zu Gunsten der Sicherheit auf das Fasten im Ramadan verzichten sollten.

Aus dieser Ausnahmesituation heraus sind nun Debatten unter den Muslimen entstanden, wie man die Welt mit dem Coronavirus deuten soll? Die Stimmen sind vielfältig, aber die dominierenden Stimmen unter den Muslimen gehen in die Richtung einer allgemeinen moralischen Verurteilung und verstehen darin, dass Gott die Menschen warnt. Ein Imam schreit in apokalyptischer Hysterie, dass das Coronavirus sogar ein Segen Gottes sei, weil man nun nicht mehr in der Öffentlichkeit Alkohol trinken dürfe und nicht mehr große Veranstaltungen für irdische Vergnügungen besuchen könne. In diese Richtung sprach auch eine Vertreterin der IGGÖ, dass ein Unglück besser sei als tausende von Ratschlägen und, dass sich die Menschen mehr Zeit für Gott und für ihre persönliche Besinnung nehmen sollten.

Der Mainstream geht in diese Richtung, dass wir Gott besser verstehen und auf seine Anweisungen mehr Wert legen sollten. Was das konkret für die Praxis bedeutet, kann man nicht genau sagen, aber es zeigt auch ein dringend notwendiges Umdenken in der islamischen Theologie, worin die Frage an Gott erlaubt sein darf, ob auch Er die Menschen verstehen müsse? In dieser Frage drückt sich eigentlich die Grundlage einer menschenorientierten Theologie aus, weil der Koran ganz eindeutig aus einem Mensch-Gott-Dialog entstanden ist.

Wenn wir diesen Dialog nicht unterbrechen möchten, dann sollten wir diese Kommunikation suchen und daraus Handlungshinweise ableiten, weil Gott diesen Dialog will. Die Ayah aus dem Koran, aus welcher wir noch weitere Erkenntnisse ableiten können, besagt, wie wichtig ein lebendiger Dialog auch für Gott ist.

„So gedenkt Meiner, und Ich werde euer gedenken.“ (Koran 2: 152)

„Wenn ihr (Mir) dankbar seid, werde Ich euch ganz gewiß mehr und mehr geben.“ (Koran 14: 7)

„Sie vergessen Gott, und so vergißt Er sie.“ (Koran 9: 67)

Wenn wir diese Frage in Bezug auf Ramadan konkretisieren, stellen wir auch fest, dass die Debatten diesbezüglich weniger auf die Menschen, sondern auf bestimmte bekannte theologische Regeln fokussieren. Dabei wird die besondere Situation der Menschen unter diesen schwierigen Verhältnissen kaum berücksichtigt. Da erscheinen ständig diese Standardaussagen, was wir für Gott tun sollten, aber Fragen dahingehend, dass diese Forderungen Menschen auch überfordern, werden leider nicht gestellt und als Zeichen der Ungläubigkeit, der Häresie abgestempelt. In dieser Zeit sind die Mehrheit der muslimischen Familien in ihren engen, kleinen und überfüllten Wohnungen ziemlich herausgefordert und stehen unter besonderen Spannungen, die wir aus theologischen Perspektiven auf keinen Fall aus den Augen verlieren sollten. Wenn der Koran in physischen Krankheiten einen Grund für das Nichtfasten sieht, sollten die psychischen Belastungen auf gleicher Ebene ein solcher Grund für die Entlastung der Menschen in Ausnahmesituationen sein dürfen. Hier über eine Erleichterung sprechen oder denken zu dürfen, ja diese einfordern zu können, ohne in den Verdacht zu geraten, ein Muslim ohne Gottesfurcht zu sein, sollte daran erinnern, das Gott auch der Barmherzige ist.

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