Ein Gespräch mit Michael Ameen Kramer, Mitglied des Weltrates Muslimischer Gemeinschaften (TWMCC) und Wissenschaftler an der Karl-Franzens-Universität in Graz und an der Universität Wien.

Am Ende des vorangegangenen Jahres der Toleranz brachten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) nochmal politische Entscheidungsträger und religiöse Führer aus der ganzen Welt in der Hauptstadt zusammen, um unter Miteinbeziehung der muslimischen Jugend den Weltfrieden zu fördern. Am 7. und 8. Dezember 2019 kam in Abu Dhabi das erste Jugendforum des Weltrates Muslimischer Gemeinschaften (TWMCC – The World Muslim Communities Council) zusammen, das die internationale Konferenz mit dem Titel „Aufbau künftiger Führer: Einsatz, Integrität und Neuerung“ (Building Future Leaders: Commitment, Integrity and Innovation) ausrichtete. Das Jugendforum besteht aus 15 ausgewählten jungen MuslimInnen, die allesamt aus Ländern kommen, in denen MuslimInnen nicht die Mehrheit stellen. In diesem Jugendforum ist auch Österreich durch Michael Ameen Kramer vertreten, der aufgrund seines Engagements für islamische und interreligiöse Bildung von einflussreichen MuslimInnen in Österreich vorgeschlagen wurde. Der Jurist und Doktorand im Studium Law and Politics an der KFU Graz wurde aus 250 Delegierten ausgewählt und verbrachte eine Woche in Abu Dhabi mit Gleichgesinnten aus der gesamten nicht-muslimischen Welt, von den Fiji Inseln bis Uruguay und Brasilien sowie von Neuseeland bis Estland und Litauen.

In einem Interview stand mir der frühere Koordinator des CEAI-Projekts, Michael Ameen Kramer, Rede und Antwort.

Ersan Akkilic: Was konkret hast Du in Abu Dhabi gemacht?

Kramer: Eingeladen vom TWMCC hatte ich die Ehre, an der Konferenz über das Thema „Citizenship and Faith in the Age of New Media“ zu sprechen, denn es besteht die unbedingte Notwendigkeit diese beiden Bereiche miteinander in Einklang zu bringen, um eine gesunde und fruchtbare Beziehung zu Gott und zum jeweiligen Heimatstaat herzustellen. Dafür sind die neuen Medien, vor allem Social Media, von großer Bedeutung. Als Mitglied des Jugendforums hatte ich aber auch die Aufgabe, die Konferenz mitzuorganisieren, sodass ich mich plötzlich bei einem Besuch des Founders Memorial in Abu Dhabi als Moderator wiederfand und ich den TeilnehmerInnen erklären durfte, dass im Februar 2019 an diesem Platz Papst Franziskus und der Großmufte der Al-Azhar, Ahmed el-Tayeb, das Dokument der Geschwisterlichkeit unterzeichneten. Die TeilnehmerInnen hatten bei diesem Besuch die Möglichkeit, ihre Vorstellungen der Umsetzung dieses Dokuments in ihren eigenen Ländern vorzutragen. Das war äußerst bewegend.

Ersan Akkilic: Was war überhaupt das Ziel dieser Konferenz?

Kramer: Das Ziel war im Allgemeinen, dass gerade junge MuslimInnen befähigt werden sollen, Führungsrollen in ihren Gesellschaften zu übernehmen und für Toleranz, Frieden und für die Werte des Zusammenlebens und des gegenseitigen Respekts zwischen den Völkern der Welt einzutreten. Deshalb wurden in einem zweitägigen Arbeitskreis im Rahmen des Jugendforums zuerst die Herausforderungen für MuslimInnen in ihren jeweiligen Gesellschaften adressiert und anschließend Initiativen zum Gemeinschaftsdienst, zur sozialen Eingliederung sowie zum friedlichen Zusammenleben von Religionsgemeinschaften vorgestellt. Es ist an der Herausforderung gearbeitet worden, wie eine gesunde und fruchtbare Beziehung zu Gott und zum jeweiligen Heimatstaat hergestellt werden kann, um beispielsweise im Falle meines Heimatlandes eine österreichisch-islamische Identität zu erreichen. Dafür braucht es ein Software-Update, also eine Aktualisierung des Islamverständnisses.

Ersan Akkilic: Wie soll eine solche Aktualisierung vonstattengehen?

Kramer: Eine derartige Aktualisierung ist in erster Linie vom rechtlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext des jeweiligen Staates abhängig und betrifft eine Menge vernachlässigter Bereiche, so dass es etwa neue Ansätze für die islamische Jurisprudenz, Bildung, Verhaltensregeln und Philanthropie sowie für Innovation und Unternehmertum braucht. MuslimInnen müssen in nicht-muslimischen Gesellschaften ihren Glauben nicht neu erfinden, sondern bloß ihren Blick auf historische Gegebenheiten richten. Als Beispiele können etwa die Auswanderung einer Gruppe von MuslimInnen ins christliche Abessinien um das Jahr 615, besser bekannt als „Kleine Hidschra“, oder die Zeit in Mekka vor der Auswanderung der MuslimInnen nach Medina, also der „Hidschra“ genannt werden. In beiden Fällen lag der Fokus weniger auf dem politischen Handeln als vielmehr auf der Ausübung der Religion. Dabei kann die Frage helfen, wie der Islam heute gelebt werden würde, hätten die Mekkaner im Jahr 622 den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) und seine GefährtInnen nicht zur Auswanderung veranlasst. Für ein Software-Update brauchen wir neue Narrative, die nicht neu erfunden werden müssen. Der Blick in die Geschichte kann uns helfen, mit gegenwärtigen Situationen als muslimische Gemeinschaften in nichtmuslimischen Gesellschaften künftig besser umzugehen. Im 7. und 8. Jahrhundert, also in der Zeit der raschen Ausbreitung des Islam, wurden andere Kulturen gewürdigt und zum Teil sogar übernommen. Es wurden sogar Bräuche übernommen, die mit dem Islam überhaupt nichts zu tun haben, wie zum Beispiel die weibliche Beschneidung, Ehrenmord oder Zwangsheirat. Heute wird in vielen westlichen Gesellschaften darüber diskutiert, ob man ChristInnen zu Weihnachten beglückwünschen oder Frauen die Hand geben darf. Das ist nicht zu verstehen, wenn man weiß, dass Höflichkeit, Freundlichkeit, Aufrichtigkeit etc Prinzipien im Qur’an sind.

Ersan Akkilic: Welche Agenda verfolgt TWMCC?

Kramer: Als grundsätzlich skeptischer Mensch musste ich mich vergewissern, dass ich hier nicht einer Organisation angehöre, deren Agenden und Werte ich nicht vertreten kann. Deshalb trafen wir am ersten Abend den Vorsitzenden des TWMCC, Dr. Ali Rashid Al Nuaimi. Er kommt aus den VAE und bezeichnet sich als Philanthrop, der sich etwa unmittelbar nach der Etablierung des Islamischen Staates (IS) für eine Fatwa gegen den IS und andere Terrororganisationen einsetzte und sich regelmäßig gegen die Muslimbruderschaft ausspricht und im Allgemeinen für ein moderates Islamverständnis von MuslimInnen eintritt. Al Nuaimi habe die Stoßrichtung des TWMCC unmissverständlich vorgegeben, wonach der Islam eine Religion der Koexistenz, der Toleranz, der Kooperation und des Friedens sei und MuslimInnen weltweit konstruktive gesamtgesellschaftliche Beiträge in ihren jeweiligen Heimatländern leisten sollten. Der Weltrat konzentriere sich nach Al Nuami verstärkt auf die Einbeziehung der Jugend und auf die Stärkung der Frauen in Führungspositionen, um deren Anliegen auch durchsetzen zu können. Diese Anliegen hat das Forum am Ende der Konferenz in zwölf Empfehlungen formuliert. Sie betreffen neben den bereits genannten Punkten die Sicherheit und Stabilität innerhalb der Gemeinschaften, die Koexistenz und Zusammenarbeit unter den Menschen, die Familienwerte und den Umweltschutz, die Fähigkeit der Jugendlichen, Gemeinschaften zu führen und die Verwirklichung der wahren Selbständigkeit der Jugend, den Aufbau von Kompetenzen und die wissenschaftliche Vorbereitung von Führungskräften, den Übergang von der Selbstisolierung zur Offenheit für die nationalen Partner und Gemeinschaften, die Schaffung eines Raums für die gemeinsame Arbeit mit den Gemeinschaftspartnern, die Reform religiöser Diskurse, um den Anforderungen der Gemeinschaft gerecht zu werden, die Betonung der Privatsphäre der Gemeinschaften sowie die Nutzung von Medien, um das Bild des Islam und der Muslime zu verbessern.

Ersan Akkilic: Was bedeutet das nun für MuslimInnen in Österreich?

Kramer: Moderate muslimische Gemeinschaften und MuslimInnen in nicht-muslimischen Gesellschaften weltweit leiden unter einem starren, engstirnigen und radikalen Islamverständnis einzelner muslimischer Gruppierungen und Organisationen. Nicht nur in Afrika, Asien und Australien, sondern auch in Europa und im Speziellen in Österreich hat sich ein Islamverständnis in der Gesellschaft und in der Politik herausgebildet, dass massiv von Krieg, Gewalt, Desintegration sowie Exklusion und Segregation geprägt ist. Der Islam ist eine Religion des Mittelweges, in der es keine extremen Einstellungen geben soll. Um die Mitte zu erreichen, sollen laut TWMCC-Agenda die Narrative dahingehend geändert werden, dass MuslimInnen im Rahmen ihrer jeweiligen Lebenskontexte als vorbildliche BürgerInnen Beiträge zum Wohle der gesamten Gesellschaft leisten. Das kann auf individueller Ebene genauso geschehen wir auf institutioneller Ebene, wo man sich auch andere Religionsgemeinschaften zum Vorbild nehmen kann, um etwa wissenschaftliche, interreligiöse und interkulturelle sowie gemeinnützige und karitative Institutionen zu errichten. Im Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Beiträge muss ehrlich gesagt werden, dass ChristInnen gegenwärtig die besseren MuslimInnen sind. Deshalb sollte die muslimische Community in Österreich möglichst rasch mehr Ressourcen in die Ausbildung und in soziale Gemeinschaftsdienste investieren, um ihre sozio-ökonomische Stellung eigenmächtig zu verändern, denn es sieht gerade nicht so aus, als würde der Staat hier aktiv werden. Denn es bringt überhaupt nichts, sich in eine Opferrolle zurückzuziehen und stets nur jene zu kritisieren, die den Islam als Mittel ihrer Zwecke nutzen. Vielmehr liegt es an uns MuslimInnen, diese Prüfung von Gott zu bestehen und daraus das Beste zu machen.

Ersan Akkilic: Danke für das Interview.

Mehr Infos auf https://twmcc.com/en/news/227 und https://www.twmcc.com/en/news/224

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