Schule als essenzielle Bildungsinstitution ist für Gesellschaften immer ein Thema. Dieses gesellschaftlich notwendige Verhältnis von Schule und Gesellschaft erleben wir gerade in dieser Zeit des Coronavirus‘ sehr intensiv, denn nie zuvor waren Schüler*innen, Eltern und Lehrer*innen derart herausgefordert. Deshalb fragte ich als empirische Forscherin vier islamische Religionslehrer*innen der IGGÖ über deren Alltag, diesmal mit für mich nicht gewohnten Kommunikationskanäle, wie etwa mit Skype. Ich wollte von ihnen wissen, wie der islamische Religionsunterricht in diesen Zeiten ausschaut, und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind.

 

Kurz zusammengefasst zeigen sich die folgenden Ergebnisse: Für alle Befragten ist die Umstellung der Kommunikation eine Herausforderung. Vom Zeitaufwand her bietet Digitalisierung nicht immer eine Erleichterung. Viele Lehrer*innen müssten viel mehr Zeit vor dem Computer verbringen und auch administrative Sachen erledigen, wie eine Lehrerin erzählte: „Die Kommunikation mit der Direktion, Administration und anderen ist viel komplizierter geworden. Man blickt nicht mehr durch, wer was von dir möchte, wo du alles eintragen musst. Das Eintragen ist eine Sache für sich!“ Vor allem für Lehrer*innen, die Kinder haben, sei diese Zeit nicht einfach, wie eine Lehrerin schilderte: „Ich habe sehr wenig Zeit mich zu erholen: den ganzen Tag betreue ich mein Kind und am Abend bin ich Lehrerin. Meistens bis 01:00 Uhr in der Nacht!“

 

Auch die Erreichbarkeit der Schuler*innen stellt eine Herausforderung für einen Lehrer dar, der einen Teil seiner Schuler*innen seit Beginn der Coronakrise nicht kontaktieren konnte: „Dies ist manchmal sehr schwer, da es bis heute SchülerInnen gibt, die nicht erreichbar sind. Im wahren Sinne des Wortes sind sie untergetaucht.“ Für ihn, aber auch für viele anderen Lehrer*innen, war deshalb die fehlende face-to-face-Interaktion mit Schüler*innen ein zentrales Problem. Eine Lehrerin meinte: „Die Änderungen sind, dass die persönliche Kommunikation durch Video-Konferenzen und schriftliche Korrespondenz ausgetauscht worden ist. In einem Fach wie Religion ist das nicht optimal, da dieser persönliche Bezug zu den Schüler*innen sehr wichtig ist und daher dieser persönliche Gedanken-Emotionen-Austausch fehlt.“ Auf die Frage, ob Religionslehrer*innen in dieser Krisenzeit eine besondere Rolle spielen, kommen zwei Wahrnehmung zum Vorschein. Wegen der Verlagerung der Kommunikation auf die digitale Ebene würden sie sich in dieser Rolle eingeschränkt sehen. Eine Lehrerin schildert diese Einschränkung wie folgt: „Wenn man persönlich mit jemanden spricht, sprechen ja auch die Emotionen und man nimmt viel mehr wahr als sonst. Ich sehe die Schüler*innen nicht und höre sie nur einmal pro Woche. Auch wenn sie was am Herzen haben, würden sie es nicht unter solchen Bedingungen preisgeben.“

 

Gleichzeitig sei ein großes Bedürfnis nach Kommunikation auch von Seiten der Schüler*innen vorhanden, weshalb die Lehrer*innen versuchen würden, auch wenn es zurzeit nicht optimal sei, die Schüler*innen bestmöglich zu unterstützen. Zwei Lehrer*innen sagten, dass sie hinsichtlich ihrer Stellung in der Schule bestätigt worden seien: „In einer Zeit wie dieser, wo Vieles neu und unbekannt ist, kommen mehrere Fragen von den Schüler*innen. Sie suchen nach verschiedenen Wegen, sie brauchen jemanden, der Wille und auch Zeit hat diese Wege aufzuzeigen, Alternativen zu öffnen und Antworten zu geben. Ja, ich denke, dass die Religionslehrer*innen in solchen Zeiten für die Schüler eine besondere Rolle spielen“, so eine Lehrerin. Da die Situation schwer zu begreifen ist, fragten die Schüler*innen, ob dies eine Warnung für die Menschheit ist. Auch, weil die praktische Ausübung der Religion eingeschränkt ist, hat diese Lehrerin oft die Frage bekommen, wie beispielsweise das Freitagsgebet verrichtet werden solle, da manchen Schüler*innen auch die Moscheen fehlten. Dies zeigt, wie sehr Religionspraktiken gesellschaftlich ausgeprägt sind, die in dieser Zeit dann entweder mit Familienmitgliedern ausgeübt oder vielmehr auf individuelle Ebene verlagert würden.

 

Die Beschäftigung mit dem Thema ‚Corona‘ zeigte den islamischen Relgionslehrer*innen unterschiedliche Erklärungsversuche von den Schüler*innen. Etwa, dass sie beim Ausbruch des Virus‘ dieses als eine Strafe Gottes für Chinesenverstanden hätten, wie ein Religionslehrer mitteilte. Eine Lehrerin erfuhr Ähnliches mit der Argumentation, dass Chinesen Hunde und Fledermaus essen würden und sie deshalb von Gott bestraft worden seien. Ein anderer Erklärungsversuch der Schüler*innen sei etwa gewesen, dass die Chinesen Muslime, nämlich die Uyguren in China, foltern und unterdrücken, weshalb sie von Gott bestraft worden seien. Aber durch die Beschäftigung und Diskussionen im Rahmen des Home Learning sei dieses Thema irrelevant geworden. Diesbezüglich sagte eine Religionslehrerin, dass die Krise von ihren Schüler*innen auch als Chance begriffen würde: „Die meisten haben darüber berichtet, dass sie durch Corona erst richtig begriffen hätten, welche große Wichtigkeit Religion im Leben hat. Der Großteil der Schüler*innen hat mir erzählt, dass sie in dieser Zeit sich noch mehr mit der Religion befasst haben. Religion war Ausweg, Motivation, Erklärung, Kraft.“

 

Mit der stufenweisen Öffnung der Schule wird ein Wiedersehen zwischen Schuler*innen und Lehrer*innen stattfinden. Dieses Wiedersehen wird zuvorderst hoffentlich eine Phase der Verarbeitung der Tage mit den strengen Ausgangsbeschränkungen sein, in der auch die Begleitung der neuen sozialen Verhaltensregeln zu thematisieren sind. Spätestens dabei kommt allen Religionslehrer*innen eine noch wesentlichere Rolle zu. Zum einen, weil die Schüler*innen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen besondere Unterstützungen brauchen. Zum anderen, weil die Erfahrungen, die sie in dieser Zeit gemacht haben, die Religiosität der Schüler*innen nicht unberührt gelassen haben.

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