Ganz gleich was man von Gefühlen halten mag – sie haben eine große Macht auf unser Denken und unser Handeln. Vor allem dann, wenn wir im pädagogischen Sinne das Gefühl als etwas nehmen, das uns tagtäglich begegnet und wir mit dem Wissen über Gefühle „arbeiten“ können. Am liebsten jedoch wäre es manchmal, man könnte alle Gefühle abstellen und nur mehr mit dem Verstand agieren, denn nur der Verstand hilft uns bestimmte Situationen aus einer Distanz heraus zu beurteilen. Es stellt sich die Frage, ob wir denn mit dieser Distanz genau das herbeiführen, was wir als Pädagoginnen eigentlich nicht haben wollen, nämlich: emotionale Distanz. Mit Distanz meine ich auch die Distanz, sich mit religiösen Inhalten nicht durchdringend und tief zu beschäftigen, sondern sich stattdessen nur oberflächlich damit zu beschäftigen, was jedoch nichts Grundlegendes im Menschen „bewirken“ kann.

Nach den neuerlichen Erkenntnissen (u.a. von Gerald Hüther, Neurobiologe) sollte klar sein, dass man das Denken und das Gefühl nicht unabhängig voneinander betrachten kann. Wenn man so will, kann man sagen: Ich denke, weil ich fühle und ich fühle, weil ich dies und jenes gesehen habe und dieses Bestimmte hat diese und jene Gefühle in mir ausgelöst. D. h. erst die Gefühle lösen unsere Denkprozesse aktiv aus. Wenn wir dieses Faktum außer Acht lassen, kann das ein großer Verlust im Hinblick auf eine friedvolle Gesellschaft sein. Diese Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn wir erwachsene Persönlichkeiten vor uns haben, die genau wissen, wer sie sind und welche Vision sie in ihrem Leben verfolgen möchten.

Diesen Spruch kennt wahrscheinlich jeder oder hat ihn zumindest schon einmal gehört: „Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben lernen wir.“

Da die Schule ein wichtiger Lebensabschnitt ist, muss darüber gesprochen werden, inwieweit die Persönlichkeitsentwicklung- und entfaltung hier adäquat „gefördert“ werden kann.

Der Verstand kann uns behilflich sein all die Wünsche und Ziele, die wir uns zum Ziel gesetzt haben, zu verwirklichen, indem wir nach Strategien suchen, die es uns ermöglichen, sie zu realisieren. Zuvor müssen wir jedoch fühlen, wir müssen nachspüren können, was unser Lebensziel ist, welchen Zweck wir auf dieser Erde erfüllen wollen und auch sollen. Denn erst das Gespür lässt uns lebendig bleiben und über uns hinauswachsen.

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass man Quranverse kognitiv erfassen und begreifen kann, aber sie durchspüren und erleben und dann tatsächlich für sein eigenes Leben als Wegweiser zu sehen, kann man nur, wenn man die Worte durch seinen Körper erlebt und bezeugt hat. D. h. hier werden religiöse Gefühle verstärkt, die bei Bedarf immer wieder aktiviert werden können, um unserem Leben zu dienen. Gefühle sind also ein Teil des Verstandes. Sie zu ignorieren, wäre ein fataler Verlust im Hinblick auf unsere Persönlichkeitsentwicklung und unsere religiöse Identität.

Allah sagt im Quran dazu: Und, ob ihr eure Glaubensvorstellungen geheim haltet oder sie offen bekundet, Er fürwahr volles Wissen von allem hat, was in euren Herzen ist. (Asad, Botschaft des Koran, Sura 67:13, S. 1080)

Obwohl Gott im Vorfeld bereits Bescheid weiß, was und wen der Mensch in seinem Herzen trägt, wird uns die Möglichkeit gegeben, selbst festzustellen, was und wem wir Glauben schenken wollen. Gott gibt uns die Möglichkeit selbstverantwortlich nachzuspüren, ob wir vertrauensvoll an Ihn glauben, oder aber, ob uns der Glaube von anderen auferlegt wurde und wir nur blind nacheifern. Diese Art des Glaubens ist oftmals eine Art, die viele seelische Verletzungen nach sich trägt und einen bitteren Nachgeschmack im Herzen hinterlässt.  Wenn jedoch der Glaube aus uns heraus entsprungen ist und wir ihn aus unserem tiefsten Seelengrund bezeugt haben, dann kann dieser Glaube zeitweise wie ein Erdbeben erschüttert werden, aber niemals zerstört werden. Somit können wir niemandem den Glauben “beibringen”, wir können nur versuchen den Glauben in einem Menschen zu “aktivieren”.

Das Fühlen muss uns niemand lehren, nur kann man es vergessen, wenn man immer nur in seinem Kopf ist und man am Ende nur mehr Gefühlsverweigerer ist und das Leben als Skeptiker aufnimmt. Wenn der Islamunterricht einen Anspruch auf Bildung erheben möchte, dann muss herangeführt werden, dass wahre Bildung immer auch Herzensbildung ist, die daraufhin abzielt die eigenen Gefühle zu schulen. Es geht darum Herr seiner eigenen Gefühle und Gedanken zu werden und nicht umgekehrt. Religiöse Kompetenz ist deshalb weit mehr als ein Wissen und die Kenntnis der religiösen Inhalte, da sie Raum zur Entwicklung einer eigenen und religiösen Orientierung in der Welt bietet. Wenn es uns gelingt die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu reflektieren, entfaltet sich dadurch jeden Tag ein Stückchen mehr eine ganz eigene, religiöse Identität. So kann man sich glücklich schätzen, denn dann kann man in Frieden mit sich selbst und seinen Mitmenschen leben – und genau das zählt!

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