In der 2. Ausgabe der Reihe „Perspektiven Integration“ des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) wurden renommierte Islam-ExpertInnen gefragt, wie ein Islam europäischer Prägung aussehen kann, ob es Reformbedarf gibt, wie es um die Integration der muslimischen Minderheit steht und warum in diesem Zusammenhang zumeist über den Islam gesprochen wird, nicht hingegen über andere Religionen.

CEAI bietet hier die Möglichkeit zum Download der ÖIF-Ausgabe (PDF) und folglich einen kurzen Überblick der Antworten hinsichtlich der im Zentrum stehenden Frage, wie die ExpertInnen einen “Islam europäischer Prägung” definieren:

Mouhanad Khorchide

„Ein „Islam europäischer Prägung“ definiert sich selbst als zu Europa zugehörig, trägt somit die europäischen Werte und hat in Europa einen Platz als seine Heimat. Konkret geht es darum, dass ein Islam europäischer Prägung mit den Menschenrechten, mit demokratischen Grundwerten, mit der Gleichberechtigung der Geschlechter und mit der Säkularität als institutionelle Trennung zwischen Staat und Religion vereinbar ist. […] Ein Islamverständnis, das zum Beispiel ein patriarchalisches Frauenbild trägt, oder auf die Einführung von Körperstrafen besteht, kann kein europäischer Islam sein. Ein Islamverständnis hingegen, das davon ausgeht, dass der Islam, wie wir ihn heute kennen, nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von den jeweiligen Kulturen geprägt ist, besitzt ein Bewusstsein dafür, dass der Islam nicht statisch ist, sondern sich in einem Dauerprozess entwickelt und daher auch in Europa europäisch werden kann. […] Dazu ist es aber notwendig, den Koran in seinem historischen Kontext zu verorten, um nicht nach dem Wortlaut zu fragen, sondern nach dessen Geist und dessen spiritueller und ethischer Botschaft. […] Es ist Aufgabe der Muslime, Gewaltstellen im Koran durch eine historische Kontextualisierung dieser Stellen vor Missbrauch zu schützen. Sie beschreiben lediglich kriegerische Auseinandersetzungen im 7. Jahrhundert, sind aber keine überzeitlichen Imperative an die Muslime heute. Wir Muslime müssen aber auch Positionen und Auslegungen innerhalb der islamischen Tradition, die Gewalt legitimieren bzw. den Menschenrechten widersprechen, ohne Wenn und Aber verwerfen.“

Mouhanad Khorchide ist einer der angesehensten Islamexperten im deutschsprachigen Raum und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Islam in Europa, Islamische Religionspädagogik und deren Didaktik sowie Moderne Zugänge zur Koranhermeneutik. Er ist Autor des Buches „Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion“.

Ednan Aslan

„In seiner Geschichte und Gegenwart hat sich der Islam immer mit seiner Anpassungsfähigkeit den jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten gegenüber ausgezeichnet. Das war auch die Grundlage für die dynamische Entwicklung des Islam in relativ kurzer Zeit. Europäische Prägung bedeutet, dass die Muslime ihre Religion in der Gesellschaft formen, in der sie leben. „Islam mit europäischer Prägung“ bedeutet nichts Anderes, als dass die Muslime sich der gesellschaftlichen Herausforderung stellen und Antworten auf ihre Widersprüche im Hier und Jetzt in der Gesellschaft suchen. „Islam mit europäischer Prägung“ bedeutet, dass wir uns mit unseren gemeinsamen Werten in unserer neuen Heimat identifizieren und uns hier heimisch fühlen. Dieses Verständnis der Religiosität bedeutet auch, dass wir als ein Teil dieser Gesellschaft gekannt und anerkannt werden. […] Den jungen Menschen wird leider die Mitte der Gesellschaft als Gefahr oder als Ablösung vom Islam abgeraten. Nur ein Islam mit europäischer Prägung kann die jungen Menschen von diesen Lasten befreien und sie in der Mitte der Gesellschaft ermutigen, den Alltag theologisch richtig und gut zu deuten.“

Ednan Aslan ist Leiter der Abteilung Islamische Religionspädagogik der Universität Wien. Er baute den im deutschsprachigen Raum einzigartigen Weiterbildungslehrgang für Imame und muslimische Seelsorger „Muslime in Europa“ auf und promovierte über die „Religiöse Erziehung der muslimischen Kinder in Österreich und Deutschland“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. auf dem Islam in Europa und der Theorie der islamischen Erziehung in Europa.
Zu den Grundlagen eines Islam europ. Prägung: Gastkommentar in der Presse vom 20.05.2015 und in der NZZ vom 16.09.2016

Zekirija Sejdini

„Zunächst sei erwähnt, dass diese Bezeichnung nicht unproblematisch ist. Sie ist sehr ambivalent, sodass vieles damit in Verbindung gebracht werden kann. Unabhängig davon kann diese Bezeichnung meines Erachtens zweierlei bedeuten. Zunächst kann sie bedeuten, dass jede Religion bzw. Theologie den Kontext ihrer Adressaten berücksichtigen muss. Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint es sinnvoll, dass die islamische Theologie in Europa europäisch und in anderen Kulturkreisen anders geprägt ist bzw. sein muss. Denn wir haben hier in Europa eine andere „Realität“ als Menschen, die in anderen Ländern leben. Ein weiterer – und für mich wichtigerer – Aspekt ist in diesem Zusammenhang die Prägung der islamischen Theologie durch grundsätzliche Werte wie die Idee der Aufklärung, die allgemeine Menschenrechtserklärung und die Anerkennung der säkularen demokratischen Rechtsstaatlichkeit – was aber wiederum eine kulturalistische Vereinnahmung der Aufklärung, der allgemeinen Menschenrechte und die Trennung von Religion und Staat bedeuten würde.“

Zekirija Sejdini ist der erste Lehrstuhlinhaber für islamische Religionspädagogik an der Universität Innsbruck und Gründer des Islamportal. Er studierte in Kairo, Istanbul und Heidelberg und war zuvor u.a. Fachinspektor für islamischen Religionsunterricht in Wien.

Lamya Kaddor

„Es muss darum gehen, ein islamisches Leben in Europa zu verwurzeln und zu verankern, damit Muslime für ihre Glaubenspraxis nicht mehr ständig in die Türkei, die arabischen Länder oder anderswo hingucken. Theologisch geht es um die Frage der Zeitgemäßheit. Wie kann man den Koran und andere Primärquellen ohne Substanzverlust in die heutige Zeit transportieren? Das kann sich natürlich unterschiedlich darstellen. Konservativ orientierte Muslime können auch zeitgemäß leben wie liberal ausgerichtete. Zeitgemäß zu leben, heißt jedenfalls nicht, seinen Glauben abzulegen, sondern den historischen Kontext und gesellschaftliche Entwicklungen zu berücksichtigen. […] Der Islam ist eine Weltreligion mit verschiedenen kulturellen Prägungen, es gibt einen türkisch geprägten Islam, einen bosnisch, arabisch, indonesisch und eben auch einen europäisch geprägten Islam. Ich persönlich spreche übrigens nicht von Reformen, das haben Sie getan. Ich spreche von einer Weiterentwicklung. Wenn mit „Islam europäischer Prägung“ jedoch gemeint ist, seine Prinzipien abzulegen, ist das eine Bevormundung, die den Muslimen nicht gerecht wird.“

Lamya Kaddor ist Religionspädagogin und eine der bekanntesten Islamwissenschaftlerinnen Deutschlands. Sie ist Vorstandsmitglied des Liberal-Islamischen Bundes und Autorin der Bücher „Die Zerreißprobe: Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“ und „Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“.

Evrim Ersan-Akkilic

„Religion ist für mich eine soziale und gesellschaftliche Konstruktion. Die Religionen haben ihre heiligen Texte, Praktiken und Normen, aber keine Religion ist ein statisches Gebilde. Religionen sind lebendig und ändern sich, sowohl über die Zeit hinweg, als auch in unterschiedlichen räumlichen Kontexten. Zudem sind Religionen nie frei von Herrschaftsverhältnissen, sondern davon durchdrungen und Akteure innerhalb dieser Verhältnisse. Ich werde versuchen, einen „Islam europäischer Prägung“ in diesem gesellschaftlichen Zusammenhang zu definieren: Der „Islam europäischer Prägung“ ist für mich ein Islamverständnis, das sich in einem europäischen Kontext durch Begegnungen von Religionen und Kulturen weiterentwickelt. Das Bedürfnis für einen solchen Islam ist durch aktuelle Konflikte und die in mancher Hinsicht in diesem Raum und der heutigen Zeit unpassenden Vorstellungen zum Rechtssystem und zur individuellen Freiheit entstanden. Für mich weist die Bezeichnung „Islam europäischer Prägung“ außerdem auf ein Selbstbestimmungsrecht hin. Damit meine ich den Anspruch auf die Freiheit, den Islam in einem anderen räumlichen Zusammenhang und in anderen Strukturen auszuleben – eine Möglichkeit der Gestaltung des Islam, die von manchen Muslimen eingefordert wird. Ein Teil der Muslime hat an den neuen Orten, in die sie migriert sind, neue Denkweisen und Lebensmodelle kennengelernt. Die Erfahrungen, die sie in diesen neuen Kontexten gemacht haben, die Probleme und Konflikte, die sie erlebt haben, und die neuen Möglichkeiten, denen sie begegnet sind, hatten vielfach einen Einfluss auf ihre mitgebrachten Denkweisen und ihre religiöse Praxis. Ich sehe hier also einen dynamischen Prozess. Ein „Islam europäischer Prägung“ ist für mich damit das Resultat eines dynamischen und dialektischen Prozesses.“

Evrim Ersan-Akkilic ist Wissenschaftlerin am Institut für Islamische Studien der Universität Wien und Projektkoordinatorin des Forschungsprojektes „Radikalisierungsprozesse unter Jugendlichen in Österreich“. Sie ist Mitautorin des Sammelbandes „Imame und Integration“.

Abdel-Hakim Ourghi

„In einem solchen Islam müssen Muslime ihren Glauben mit all seinen Tabus, Denkverboten und Dogmen auf der Grundlage der kritischen Vernunft reflektieren. Das scheint mir eine tatsächliche Notwendigkeit, um den Anschluss an die westliche Moderne zu finden. Muslime müssen also versuchen, den Islam von der historisch akkumulierten Wissenstradition von menschengemachtem, oft patriarchalischem Ballast zu befreien. Die klassische Wissenstradition ist ein Produkt aus vergangenen Tagen und muss in der jetzigen Situation im westlichen Kontext verstanden werden. Solche Religionsentwürfe sind eher für vergangene Zeiten gedacht und würden die Muslime im Westen in ihrer Mündigkeit einschränken. Das muslimische Individuum emanzipiert sich, es wird zum Akteur der Selbstbestimmung seiner religiösen Identität. Durch den Akt der freien Wahlentscheidung wird der Zeit der unüberlegten Nachahmung, die noch seine Gegenwart bestimmt, ein Ende gesetzt.“

Abdel-Hakim Ourghi leitet seit 2011 den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Islamische Theologie und Koranforschung. Er gehört zu den Erstunterzeichnern der Freiburger Deklaration säkularer Muslime in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Jasmin El-Sonbati

„Das ist ein Islam, der sich an den spezifischen Gegebenheiten des Landes, also Österreich, Deutschland oder der Schweiz orientiert und nicht umgekehrt. Er bewegt sich ausschließlich innerhalb des demokratischen Rechtsstaats, wird von ihm sozusagen begrenzt, ordnet sich ihm unter. Mit anderen Worten: Menschenrechte, die Gleichheit von Mann und Frau, das Recht des Individuums auf freie Entscheidung und Lebensgestaltung fließen unmissverständlich in die gelebte Praxis der Religion des Islam ein. Der hier verortete Islam muss auf ihnen gründen und zwar ohne Wenn und Aber und ohne Relativierung. Und damit wären wir bereits bei einer ersten Herausforderung, nämlich der Kompatibilität vor allem der konservativen bis hin zur orthodoxen Auslegung des Islam mit diesen Parametern. Um diese Kompatibilität gilt es sich zu bemühen. Wir müssen Lesarten, das heißt Interpretationen favorisieren, die es Muslimen ermöglichen, ihren Glauben leichten Herzens zu leben, ohne in Konflikt mit dem Rechtsstaat zu geraten und ohne das Gefühl, man könne in Europa seine Religion nicht praktizieren. Die hierzulande tätigen Religionsvertreter und –vermittler tragen die Verantwortung, „Ishtihad“ zu betreiben.“

Jasmin El-Sonbati ist Vertreterin eines liberalen Islam, Gymnasiallehrerin, Initiatorin von „Offene Moschee Schweiz“ und Autorin der Bücher „Gehört der Islam zur Schweiz?“ sowie „Moscheen ohne Minarett“. Sie verbrachte ihre Kindheit in Kairo und studierte Romanistik in Wien und Basel.

Karin Kneissl

“Schwierige Frage. In erster Linie müssten wir uns wohl darauf einigen, dass die Religion Privatsache ist. Damit wäre einiges erreicht. Viele vor allem politisch-islamische Vereine suggerieren, dass man sich als gläubiger Moslem nur in einer Gesellschaft islamischer Ordnung entfalten kann. Das impliziert auch verfassungsrechtliche Grundlagen. Der Grundkonsens muss also lauten, dass Religion Privatsache ist – womit sich aber viele Muslime, etwa aus den Golfstaaten, nicht identifizieren können.”

Karin Kneissl ist eine der anerkanntesten Nahostexpertinnen und viel im arabischen Raum tätig. Sie spricht fließend Arabisch und Hebräisch. Außerdem ist sie Vizepräsidentin der Gesellschaft für politisch-strategische Studien STRATEG und Gründungsmitglied der österreichischen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“.

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